Autorität contra Freiheit

Der schwere Weg der neuapostolischen Kirche zur Ökumene
Seit einigen Jahren befindet sich die Neuapostolische Kirche auf einem vorsichtigen Kurs der allmählichen ökumenischen Öffnung. Dies ist ein Prozess, der nicht ohne Spannungen innerhalb der NAK abläuft. Am 12. April wurden in Hamburg Blankenese drei Amtsträger ihrer Posten enthoben, weil sie auf diesem Weg offenbar schneller voranschritten, als die Kirchenleitung der NAK mitgehen konnte oder wollte. Sie wurden suspendiert, weil sie sich „auch Kirche außerhalb der NAK vorstellen konnten“, wie es die Internet-Zeitschrift Glaubenskultur formuliert.

Geistlicher Aufbruch

Weil die Gemeinde einen solchen Schritt befürchten musste, wandte sie sich bereits im Herbst 2006 in einem vertrauensvollen Brief an den Stammapostel Wilhelm Leber und schilderte ihre Situation.1 Ausgehend von einer missionarischen Initiative unter Stammapostel Richard Fehr 1994 wurde deutlich, dass „wir wissen müssen, was wir glauben, bevor wir auf andere Menschen zugehen können.“ Aus diesem Bedürfnis entstand in der Gemeinde eine „Arbeitsgemeinschaft Glaubensinhalte“, die sich seitdem monatlich als Hauskreis traf. 2003 kam mit dem Jahr der Bibel ein weiterer Impuls hinzu, der zur Gründung weiterer Hauskreise mit dem Ziel einer intensiveren Beschäftigung mit der Bibel führte. Die Wirkung dieser Entwicklung wird von der Gemeinde durchweg positiv als ein geistlicher Aufbruch zu neuer Freude am Evangelium und zu eigenverantwortlichem Christsein beschrieben. Dies blieb aber nicht ohne Folgen.

Einschränkung, Unterdrückung

Der Brief beklagt, dass dieser wachsende Bedarf an geistlicher Nahrung von der Kirchenleitung eher negativ bewertet und die neuen Fragen oftmals als lästig empfunden wurden. Dazu sei das „Gerücht“ aufgekommen, die Gemeindeglieder würden das Apostelamt als überflüssig ansehen. Dem wird in dem Brief deutlich widersprochen und erklärt, man habe eine hohe Erwartung an Macht und Auftrag des Apostolats. Dennoch gab es bereits bedrückende Einschränkungen: Priester wurden beurlaubt, andere dürfen keine Gottesdienste mehr halten, Priester und Diakone wurden intensiven, als Verhör empfundenen Glaubensprüfungen unterzogen, in denen die in Uster neu definierte Exklusivität der NAK ein ganz besonderes Schwergewicht erhalten habe. „Die Aussage, dass wir unseren Glaubensweg als den richtigen empfinden und uns über andere christliche Glaubensgemeinschaften kein Urteil erlauben, reicht der Kirchenleitung als ‚Bekenntnis‘ zu unserer Kirche nicht aus.“ klagt die Gemeinde gegenüber dem Stammapostel.

In seiner Antwort vom Dezember 2006 schreibt Stammapostel Leber aus Zürich seine Sicht: dass in diesen Kreisen „die offiziellen Lehrpositionen der Kirche nicht unbedingt unterstützt wurden“ und nennt als „besonders kritischen Punkt“ die Frage, „welche Vollmachten dem Apostelamt gegeben sind“. Unter Verweis auf die Lehränderungen in Uster betont Leber, er habe schon damals deutlich gemacht, „dass ich erwarte, dass sich die Amtsträger ganz hinter die Lehraussagen der Kirche stellen.“

Autorität in Gefahr

Es ist der klassische Konflikt um die Autorität der Amtes, der die NAK seit ihrer Entstehung begleitet. Die suspendierten Amtsträger beschreiben ihre Position mit der Formel „Ja zur NAK - Nein zur Exklusivität“.2 Einer von ihnen antwortete dem Bezirksapostel: „Zusammengefasst glaube ich, dass der Weg der Neuapostolischen Kirche eine sichere Möglichkeit darstellt, für sich selbst und in der Gemeinschaft Jesus zu erleben und zu ihm zu kommen. Ich glaube auch, dass es daneben andere Möglichkeiten geben kann.” Der letzte Satz ist für die NAK (noch?) zu viel. Seine Akzeptanz ist aber unverzichtbare Voraussetzung für die Akzeptanz der NAK in der Ökumene.

Die NAK hat das Problem, dass sich das Tempo der ökumenischen Bewegung nicht immer zentral verordnen lässt. Dieses Phänomen und die Konflikte sind auch aus dem katholisch-evangelischen Verhältnis bekannt (man denke etwa an die Verfahren gegen die katholischen Priester nach den gemeinsamen Abendmahlsfeiern beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin). Bei der NAK kommt allerdings erschwerend hinzu, dass der extrem hohe Anspruch des Apostelamtes eine mündige und an der Bibel orientierte Gemeinde nicht fördert sondern fürchtet. Wenn Gemeindeglieder dann die kompromissbeladenen und logisch schwer vermittelbaren Aussagen zum Heiligen Geist von Uster nicht aus eigener Überzeugung mittragen können, ist der Konflikt vorprogrammiert. Toleranz und Freiheit sind noch nie die Markenzeichen der NAK gewesen. Das hat sich auch noch nicht geändert. Die NAK hat noch ein gutes Stück Weg vor sich, bis sie in der Gemeinschaft der christlichen Kirchen angekommen ist. Durch restriktive Maßnahmen wie in Blankenese wird dieser Weg nicht erleichtert.

Harald Lamprecht

1. Die nachfolgend zitierte Korrespondenz wurde auf http://www.glaubenskultur.de/artikel.php?id=798e veröffentlicht.

2. Überschrift zu den Stellungnahmen der suspendierten Amtsträger auf http://www.glaubenskultur.de/artikel.php?id=802

Artikel-URL: http://confessio.de/artikel/128

Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 2/2007 ab Seite 05