Kontinuität mit neuen Akzenten

Benedikt XVI. 100 Tage im Amt
In gleichem Maße, wie Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation für eine konservative Auslegung der Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils stand, hat Papst Benedikt XVI. durch einen weltoffenen, seelsorgerlich, spirituell und intellektuell geprägten Einstieg in das Amt überrascht. Bereits als Präfekt war er nicht für jede Schärfe in den Texten der Glaubensbehörde persönlich verantwortlich. Seine Äußerungen als Papst lassen auf ein stärker an der Freude des Evangeliums als an der Angst vor Relativismus orientiertes Pontifikat hoffen.

Benedikt XVI. ist wie sein Vorgänger tief in der Liturgie und der Eucharistie als Quelle und dem Höhepunkt des Lebens der Kirche verwurzelt. Eucharistischem Wildwuchs oder einer Hauruckökumene wird er kaum weniger entschieden entgegentreten. Die Kommunionspendung an Frère Roger Schutz beim Requiem für Johannes Paul II. vor den Augen der Weltöffentlichkeit deutet nicht schon auf eine Lockerung der bisherigen Praxis, wie die nachgeschobenen Erläuterungen des Vatikans zeigen. In seiner Predigt vor den Kardinälen nach der Wahl war aber auch zu hören, dass „Bekundungen eines gutgemeinten Gefühls“ ökumenisch nicht genügten, sondern „konkrete Gesten“ gefragt sind, „die in die Herzen eindringen und die Gewissen aufrütteln“ und „zur inneren Umkehr“ bewegen.

Zu den ökumenischen Gesten gehört die Vermeidung des Wortes „Papstamt“ in der eigens für die Amtseinführung entwickelten Liturgie, die als „Messe zum Beginn des Petrusdienstes des Bischofs von Rom“ firmiert. Das Wappen Benedikts XVI. zeigt über den gekreuzten Schlüsseln nicht mehr die (bereits von Paul VI. abgelegte) dreifache Papstkrone, sondern die Mitra, die seine Rolle als Bischof von Rom unterstreicht. Auch das Pallium, das die Bischöfe von Rom seit dem 4. Jahrhundert tragen, wird von Benedikt XVI. in der Form getragen, die im ersten Jahrtausend, vor der Trennung in Ost- und Westkirche üblich war. Hier wird liturgisch und symbolisch umgesetzt, was der Ökumeniker Ratzinger bereits in den siebziger Jahre über den Papstprimat im Blick auf eine Verständigung mit den Orthodoxen angedacht hat. Dass die eucharistische Ekklesiologie nach Ratzingers Überzeugung die Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom verlangt, nimmt ihr nichts von ihrer Relevanz für den Dialog mit den Orthodoxen, der inzwischen auch wieder aufgenommen wurde. Hier liegen die ökumenischen Prioritäten dieses Pontifikats.

Am Abend der Papstwahl meldete ein deutsches Nachrichtenmagazin, die Deutschen hätten den Papst bekommen, den sie am nötigsten haben. In einer Situation, wo Kirche nur noch mit Frauenfrage, Zölibat und Sexualmoral assoziiert wird, stellt Benedikt XVI. die Grundfragen des Glaubens und ermahnt die Kirche, „an die Welt wieder die Stimme dessen heranzutragen, der gesagt hat: ‚Ich bin das Licht der Welt ...‘“. Seine ersten Stellungnahmen zu ethischen Fragen verraten einen neuen Tonfall, der in den auf Reizworte fixierten Medien kaum bemerkt wurde. Vor Bischöfen aus Südafrika, Botswana, Swaziland, Namibia und Lesotho sprach er ausführlich über Aids und davon, dass die katholische Kirche „immer an vorderster Front bei der Vorbeugung und Behandlung dieser Krankheit gestanden“ habe. Das Wort „Kondome“ oder „Verhütungsmittel“ hat er weder bei diesem Anlass noch sonst bis heute gebraucht. Nach seinen Ausführungen vor dem Kongress „Ehe und christliche Gemeinschaft“ liegt ein Widerspruch zu Gottes Plan dort vor, wo ein Paar sich „systematisch“ dem Geschenk neuen Lebens verschließt, während Paul VI. noch jeden ehelichen Akt im Visier hatte. Hier ist eine reflektierte Theologie am Werk, die sich auch im Vergleich mit der Marianik Johannes Pauls II. oder im Umgang mit manchen von ihm geförderten Gruppierungen wie dem „Opus Dei“ größere Zurückhaltung auferlegt.

Als weiteres Anliegen Benedikts XVI. zeichnet sich eine Neugewichtung des Verhältnisses zwischen Ortskirchen und römischer Zentrale ab. Erste Maßnahmen sollen die Bischofssynode zu einem effizienteren Werkzeug und Diskussionsforum machen. Benedikt XVI. kehrt auch zur vor 1975 gültigen Praxis zurück, wonach nicht der Papst, sondern der Präfekt der Heiligsprechungskongregation den Seligsprechungszeremonien vorsteht. Die schnelle Eröffnung des Seligsprechungsverfahrens für seinen Vorgänger zeugt eher von Rücksicht auf die Emotionslage nach dem Tod des „großen Pontifex“ als von einer ungebrochenen Fortführung der exzessiven Selig- und Heiligsprechungspraxis Johannes Pauls II.

Die Berufung des Erzbischofs von San Francisco, William Joseph Levada, der als einziger amerikanischer Bischof an der Herausgabe des Weltkatechismus 1992 beteiligt war, an die Spitze der Glaubenskongregation dient der Einbindung der nichteuropäischen Kirchen in die Kurie. In Fragen der Glaubens- und Sittenlehre passe zwischen ihn und Benedikt XVI. kein Blatt, war aus dem Vatikan zu hören. Konservative Kreise kritisieren allerdings das moderate Auftreten des Erzbischofs im ultraliberalen San Francisco. Der „Pragmatiker“ - in Rom eine Umschreibung für einen Mann des Wandels - werde die Macht des neuen Amtes „wie eine Zwangsjacke“ zu spüren bekommen, hieß es in Rom. Ratzinger ist dieser Zwangsjacke jetzt entkommen. „Die Konservativen werden sich noch wundern“, meinte ein deutscher Vatikanmitarbeiter im Blick auf den neuen Papst.

Walter Schöpsdau

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 4/2005 ab Seite 17