Licht und Schatten

Erklärung zu Konflikten um das Projekt „Licht auf dem Berg“ des Vereins „Mastering Your Life“

In Annaberg betreibt seit einigen Jahren das Ehepaar Frank und Manuela
Otto eine intensive charismatisch geprägte missionarische Arbeit, die
stark auf Teenager ausgerichtet ist. In früheren Jahren war diese
Rüstzeitarbeit von der Kirchenwochenarbeit getragen. Nach einer Reihe
von Konflikten trennte sich die Kirchenwochenarbeit Ende 2009 von diesem
Projekt. Daraufhin hat der Verein „Mastering Your Life“ die
Trägerschaft des Projektes „Licht auf dem Berg“ übernommen. Mit
Vertretern des Vereins fanden mehrere Gespräche im Landeskirchenamt
statt. Dazu hat das Evangelisch-Lutherische Landeskirchenamt Sachsens
folgende Erklärung veröffentlicht.

Der in Leipzig ansässige Verein „Mastering Your Life e.V.“ steht der freien Evangelischen Gemeinde HoffnungsZentrum Leipzig nahe, die dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) angehört. Er macht unter anderem im Bereich des Kirchenbezirkes Annaberg Menschen mit dem durch die Pfingstbewegung geprägten Lebens-, Frömmigkeits- und Gottesdienststil vertraut. Kirchgemeinden und Gemeindegruppen unsere Landeskirche nehmen diese Angebote als Anfrage an das geistliche Leben unserer Kirche wahr, die es zu reflektieren gilt.
Konkret führte „Mastering Your Life e. V.“ vom 29.10. bis 03.11.12 in Annaberg-Buchholz eine Jugendfreizeit durch, auf der die persönliche Lebensübergabe an Christus und in diesem Zusammenhang die Befreiung von „Dämonen“ im Vordergrund standen. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Konfirmandenalter haben hierauf irritiert, in einem Fall auch zutiefst verstört reagiert. Die Reaktionen der Jugendlichen sowie die Fragen der Eltern und Mitarbeitenden veranlassen das Landeskirchenamt zu folgender Erklärung:

1. Übereinstimmungen und Differenzen in theologischer Hinsicht

1.1 Im Zentrum der Verkündigung Jesu steht die Botschaft vom Anbruch des Reiches Gottes (vgl. Mk 15 par; Luk 17,20f u. ö.). In Gleichnissen und Heilungen wird dessen Nähe anschaulich und existentiell. In diesem Zusammenhang treibt Jesus auch böse Geister aus (Mat 12,27 u. ö.) und ermächtigt seine Jünger, Gleiches zu tun (Mat 19, 1.7f u. ö.). Freude, Umkehr und Erlösung entsprechen diesem Geschehen. Im seelsorgerlichen Gespräch, durch Beichte und Absolution oder durch Befreiungsgebete erfährt der Glaubende dieses Geschenk als Gnade Gottes.


1.2 Erhebliche Differenzen bestehen in der Bedeutung, die der Kraft böser Mächte eingeräumt wird. Zweifellos rechnen die biblischen Autoren mit der Wirklichkeit des Bösen, die sie im Wirken von Dämonen beschreiben. Einhellig bezeugt das Neue Testament aber ihre Entmächtigung durch Christus. Nach lutherischem Verständnis vollziehen sich die Befreiung vom Bösen und die Zugehörigkeit zu Jesus Christus in der Taufe. Im Glauben an dieses einmalige Geschehen kann der Wirkkraft des Bösen nicht das Gewicht eingeräumt werden, das ihm in der Arbeit o. g. Vereines offenbar zukommt. Kriterien, mittels derer dämonische Bindungen festgestellt werden können, gibt es nicht. Befreiungsgebete dürfen ihren Ort demnach nicht im Bereich eines Gruppengeschehens, sondern allenfalls in der persönlichen Seelsorge haben.

2. Übereinstimmungen und Differenzen in pädagogischer Hinsicht

2.1 Auch die Konfirmationsordnung der EVLKS folgt dem Lernziel: „In Auseinandersetzung mit der erfahrbaren Wirklichkeit das Unverfügbare wahrnehmen, das Geheimnis Gottes ahnen, gemeinsames Leben mit Gleichaltrigen einüben, Entdecken und Erproben ihrer persönlichen Glaubenserfahrung.“1 Die Hinführung zur persönlichen Lebensübergabe an Christus (Schuldbekenntnis und Bekehrung) ist ein Anliegen, das nur im Ganzen des genannten Spektrums seinen Ort haben kann.


2.2 Die Verantwortung für die Hinführung zur Konfirmation liegt in der EVLKS bei der Ortsgemeinde als Subjekt des „Konfirmierenden Handelns“. Im Auftrag der Gemeinde wird das „Konfirmierende Handeln“ verantwortlich geleitet und begleitet von den dafür berufenen Mitarbeitern. Eine Delegierung dieser Verantwortung an Dritte ist nicht möglich.

Maßgebliche Prinzipen für die Kinder- und Jugendarbeit der Landeskirche sind dabei u.a. die Förderung einer eigenständigen Urteilsbildung („Überwältigungsverbot“), die Darstellung unterschiedlicher Standpunkte („Kontroversität“) sowie die Entwicklung der Fähigkeit eigener Handlungsmöglichkeiten. Nach den uns zugänglichen Erfahrungen der Rüstzeit-Teilnehmer wird diesen Prinzipen in der Arbeit des Vereines nicht hinreichend entsprochen. Sofern die Hinführung zur Lebensübergabe die Grenzen persönlicher Freiheit verletzt, verstößt das als Engführung gegen die gebotene pädagogische Verantwortung.

3. Nähe und Distanz zur Landeskirche

3.1 Die charismatische Bewegung ist in unserer Landeskirche tief verwurzelt. Der Reichtum unterschiedlicher Frömmigkeitsprägungen ist willkommen und zählt zu ihren Stärken. Als Ausdruck der „bunten Gnade Gottes“ (1. Petr. 4,10) dienen und bereichern die Anliegen der Gemeindeerneuerung und Evangelisation ihr theologisches und geistliches Profil.


3.2 Gleichwohl bestehen auch unterschiedliche theologische Auffassungen, die sich in der Geschichte der Landeskirchen und der Freikirchen widerspiegeln. Zum Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) bestehen ökumenische Kontakte. In der Tauf- und Abendmahlstheologie, aber auch in Fragen der Ordnung, der Hermeneutik und entsprechenden pädagogischen Folgerungen unterscheiden wir uns aber teilweise so deutlich, dass trotz vieler verbindender Gemeinsamkeiten ein längerer ökumenischer Weg vor uns liegt.

4. Fazit

Im Ergebnis dieser Erklärung bitten wir die Kirchenvorstände und Mitarbeitenden zu prüfen, ob unter den genannten Aspekten die Zusammenarbeit mit dem Verein „Mastering Your Life e. V.“ möglich und geistlich wie pädagogisch hinreichend reflektiert ist. Ohne sorgfältige Begleitung durch die Mitarbeiterschaft mit dem erkennbaren Ziel der Beheimatung in der Ortsgemeinde kann die Zusammenarbeit mit dem Verein nicht empfohlen werden.

Ev.-Luth. Landeskirchenamt Sachsens Dresden, im Februar 2013

Der Verein „Mastering Your Life“ hat auf seiner Internetpräsenz eine Antwort  auf diese Erkärung veröffentlicht.

 

Artikel-URL: http://confessio.de/artikel/297

Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 1/2013 ab Seite 16