Reconquista gegen liberale Kirche

Crossbearers-Konferenz in Wittenberg

Das Kreuz nehmen – diese Redewendung stand im hohen Mittelalter für die Absicht, an einem Kreuzzug teilzunehmen. Nun steht nicht ganz ohne Grund diese Epoche der Christentumsgeschichte nicht im allerbesten Licht da. Das Denken in Feindbildern (hier die rechtschaffenen Christen – dort die schrecklichen Heiden) wird stark mit dieser Epoche assoziiert. Auch wenn historische Forschung gelegentlich etwas mehr Differenzierung zeigt – eine direkte Anknüpfung an die militante Sprache und Rhetorik der Kreuzzugstradition hat seine Problematik. Diese Sorge scheint in der Bewegung der „Crossbearers“ („Kreuzträger“) nicht besonders ausgeprägt zu sein. Diese Gruppe hatte für den Reformationstag 2025 zu einer „Reconquista-Konferenz“ in die Lutherstadt Wittenberg eingeladen. 1

Die Bewegung selbst ist neu und spricht eher internationales und jüngeres Publikum an. Vereinsvorsitzender und treibende Kraft hinter der Wittenberger Konferenz ist Jorge Mario Monsalve Guaracao, ein junger Mann mit lateinamerikanischen Wurzeln, der über New York nach Dresden gekommen ist und sich derzeit in einer Weiterbildung in Moritzburg befindet. Unterstützung holen sich die Crossbearers aber bei älteren Netzwerken aus dem christlich-fundamentalististischen Spektrum, insbesondere dem „Gemeindehilfsbund“ und der durch ihre Ablehnung historisch-kritischer Schriftauslegung geprägten Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“.

Gemeinde für Gemeinde zurückerobern

Anliegen der Gruppe ist es, liberale Einflüsse in den Kirchen zurückzudrängen. Dabei richten sich die Bemühungen explizit auf die großen traditionellen Kirchen. Die Crossbearers wollen keine eigenen Gemeinschaften außerhalb oder neben den Kirchen gründen. Es geht ihnen darum, innerhalb der bestehenden größeren Kirchen die Machtverhältnisse in Richtung konservativer Auffassungen zu ändern. Als Ziel scheint eine Theologie hervor, die nicht durch den Geist der Aufklärung beeinflusst worden ist.

Der eigenen momentanen Minderheitsposition ist man sich durchaus bewusst. Aber die ausgegebene Marschrichtung ist klar darauf ausgerichtet, das zu ändern. Durch die Sammlung von Gleichgesinnten, Bildung von Netzwerken und gezieltes Eindringen in kirchliche Amtsstrukturen und kirchenleitende Gremien (Kirchenvorstände, Synoden) soll die Basis für die eigenen Überzeugungen verbreitert werden. Die Ansage bei der Konferenz forderte ausdrücklich zur Lagerbildung auf: „Block thinking is what defeats pluralism.“

Inkulturation des Evangeliums

Für die Geschichte des Christentums ist markant, dass die Botschaft des Evangeliums immer wieder neu in die jeweilige Gegenwart übersetzt werden muss. Dazu gehört eine Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen, Denk-, Sprech- und Verhaltensweisen der Bevölkerung, gerade um das Eigentliche zu erhalten und zu bewahren und immer wieder neu plausibel zu machen: die Botschaft von Gottes liebender Zuwendung zu den Menschen.

Feindbild Liberalismus

Solcherlei Bemühungen sehen die Kreuzträger skeptisch. Prägend ist dort das Feindbild eines „Liberalismus“, der von außen über „menschliche Philosophien“ in die Kirche eingedrungen sei und ihren Kern und die Substanz der Glaubensaussagen verwässere. „Wir sehen aktuell, dass viele nationale Kirchen von politischem und theologischem Liberalismus durchsetzt sind und dabei versagen, das wahre Evangelium unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus in seiner Gänze zu verkündigen“ heißt es dazu auf der Webseite. 2

Ausgangspunkt ist die Beobachtung vom Rückgang kirchlicher Bindungen und zum Bedeutungsverlust der Kirchen in der modernen säkularen Gesellschaft. Nun gibt es zu diesem Phänomenbereich viele religions- und sozialwissenschaftliche Forschungen und Untersuchungen. Diese spielen bei den Kreuzträgern aber keine Rolle. Die (einzige) Ursache scheint hier völlig klar: Es sei der Liberalismus, der dazu führe, dass die Verkündigung ihre Kraft verliert, traditionelle Inhalte nicht mehr gelehrt und geglaubt werden und Kirche und (Zivil-)Gesellschaft ununterscheidbar verschmelzen. Als Ursachen werden mangelnder „Eifer im Katechismus“, mangelnde „Entschlossenheit, dem weltlichen Denken zu widerstehen“ oder „Nachlässigkeit im Gebet“ vermutet. 3 In Wittenberg gab es eine Demonstration mit Deutschlandfahne und Lutherchorälen durchs Megafon, bei der Pappschilder getragen wurden mit Texten wie: „Kirche muss Kirche bleiben“, „Die Bibel ist das Wort Gottes“, „Für Kirche und Bekenntnis“, „Am Kreuz ist Jesus für unsere Sünden gestorben“ u.a.m.

Bekenner oder Häretiker

Aus dem Feindbild entsteht eine Einteilung, die innerhalb der Kirchen zwei Lager klassifiziert: Die rechtgläubigen „Bekenner“ auf der einen Seite und vom Liberalismus durchdrungene „Häretiker“ auf der anderen Seite. Dazwischen gibt noch ein paar „Moderate“, die nicht ganz eindeutig auf der einen oder anderen Seite stehen. Illustriert wird dies im Auftaktvortrag in Wittenberg mit einem Gegenüber von „Anders Amen“ – dem Social-Media Kanal der beiden miteinander verheirateten Pastorinnen der St. Michaelis Kirche in Osnabrück Ellen und Steffi Radke auf der einen und dem Bremer Pastor Olaf Latzel auf der anderen Seite, der wegen Volksverhetzung vor Gericht gestanden hat. Die Attribute „Fördert Sünde, verbreitet Irrlehre“ stehen auf Seiten der Pastorinnen, nicht bei Olaf Latzel, dem attestiert wird, er sei ein Held („hero“), „great man of God“, „Gebaut auf dem Fundament der Propheten und Aposteln. Bringt reiche Frucht und überwindet die Pforten der Hölle“. 4

95 Thesen

Die Kirchgemeinden in Wittenberg sind es gewohnt, dass immer mal wieder jemand neue 95 Thesen für sehr diverse Anliegen propagiert, in der Hoffnung, dass etwas von der historischen Bedeutung von Martin Luthers Thesen als Auslöser der Reformation auf die jeweilige Neufassung abfärben möge. So hatten auch die Crossbearers für ihr Treffen in Wittenberg neue 95 Thesen im Gepäck (und auf der Webseite). Die Thesen wirken etwas wie ein kurzer Abriss der Dogmatik und behandeln unterschiedliche Themen der Theologie: das Wesen der Kirche, das Evangelium, die Autorität der Heiligen Schrift, Wort und Sakrament, die menschliche Natur und die Stellung zur weltlichen Obrigkeit. Das Kernthema von Luthers Thesen, dass unser ganzes Leben Buße sein solle, kommt dort allerdings nicht vor. Buße nötig haben dort immer nur die anderen. An der eigenen Richtigkeit bestehen keine Zweifel.

Viele der Thesen enthalten allgemeine dogmatische Sätze, die für sich genommen nicht falsch sind, wenn gleich viele mit viel Pathos daherkommen. Insgesamt erinnern sie an den Geist des Wöllnerschen Religionsedikts von 1788, bei dem die Pastoren mit königlichem Befehl auf eine anti-aufgeklärte Theologie verpflichtet werden sollten. Die Botschaft des Evangeliums von der liebenden Zuwendung Gottes droht bei diesen Thesen in moralischer Strenge erstickt zu werden. Das Reich der Himmel hat nur eine „enge Tür“ für die bußfertigen Sünder offen (These 12), die „ewige Verdammnis“ für unsere Missetaten wird festgehalten (Th. 25), „eitle Unterhaltung“ (was soll das sein?) solle sich nicht in einer christlichen Gemeinde finden (Th. 16).

Am Anfang wird gegen das Berliner „House of One“ scharf polemisiert: Weil dort zugleich „zum dreieinigen Gott und zu anderen Göttern gebetet“ werde, sei es „eine Höhle vieler Dämonen“ (Th. 7). Nun ist es ja wahr, dass Juden kein trinitarisches Gottesverständnis haben. Wird ein Ort des gemeinsamen Gebetes mit ihnen darum tatsächlich zu einer Höhle von Dämonen? Solch theologische Fragen bleiben ungeklärt. Der Abschnitt zur „Autorität der Heiligen Schrift“ betont, sie sei „völlig zuverlässig“(Th. 45) und es sei nicht möglich, in der Bibel zwischen dem Wort Gottes und dem seiner Boten zu unterscheiden (Th. 44). „Wer die jungfräuliche Geburt Jesu Christi, seine leibliche Auferstehung oder seine zukünftige Wiederkunft öffentlich leugnet, predigt ein anderes Evangelium und verfällt somit durch Apostolischen Erlass unter einen Fluch.“ (Th. 53).

Ein ganzer Abschnitt (Thesen 68-83) „die menschliche Natur betreffend“ handelt von Fragen der Sexualität und versucht dort, dogmatische Pfeiler einzuschlagen. Dass es Menschen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geben könnte, wird ebenso ausgeschlossen wie eine Ehescheidung, homosexuelle Verbindungen oder jeglicher Sex außerhalb der Ehe. Die von Jesus viel dringlicher benannten Gefahren des Reichtums werden allerdings nicht thematisiert.

Menschlich vs. göttlich

Grundzug in der Darstellung des „Liberalismus“ ist dessen angebliche Vermischung mit „menschenzentrierten Philosophien“ wie Humanismus, Deismus und Aufklärung mit ihrer Betonung der menschlichen Vernunft. Dahinter steht ein tiefgreifendes theologisches Missverständnis. Das geht davon aus, dass alles, was „menschlich“ ist, eben nicht „göttlich“ sein könne und darum zwischen diesen Elementen ein tiefer Gegensatz bestünde. Nun ist aber doch gerade die Kernbotschaft des Christentums, dass Jesus selbst Mensch geworden ist. Nichts Menschliches ist Gott daher fremd. Gerade in der Sorge um den Mitmenschen erfüllt sich der Dienst an Gott. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter wird in diesem Kontext erzählt (Lk 10).

Minecraft & Christentum

Initiator der Reconquista Bewegung ist Richard Ackermann, ein ca. 23-jähriger junger Mann aus New York (USA), der im Internet als „Redeemed Zoomer“ bekannt geworden ist 5 und dessen Youtube-Channel beachtliche 645.000 Abonnenten hat. 6 Aufgewachsen in einem unreligiösen jüdischen Elternhaus hat er sich mit im Alter von 14 Jahren bei einer Jugendfreizeit zum christlichen Glauben bekehrt und der Presbyterianischen Kirche in den USA (PCUSA) angeschlossen. Bekannt wurde er neben Minecraft-Computerspielvideos vor allem mit gezeichneten Erklärvideos zu christlichen Themen. Sein Video „All Christian denomination explained in 12 minutes“ hat über 14 Millionen Abrufe erzeugt. 2023 gründete er die „Operation Reconquista“, um die theologisch-reformatorische Substanz in den protestantischen „Mainline-Churches“ zu stärken. In diesem Kontext hat er wohl auch das Event in Wittenberg finanziell unterstützt.

Allerdings fällt auf, dass seine eigenen Positionen etwas weniger holzschnittartig fundamentalistisch geprägt zu sein scheinen, als das in Wittenberg zur Darstellung kam. So verteidigt er in einem Video durchaus die Vereinbarkeit von Evolutionslehre und christlichem Glauben und grenzt sich von politischen Implikationen ab. Es verdient noch einen genaueren Blick, in wieweit die deutschen Crossbearers noch über Ackermanns Anliegen hinausgehen.

Problem: Polarisierung

Das grundsätzliche Anliegen der Crossbearers, den christlichen Glauben innerhalb der Kirchen zu stärken und vor einem Abdriften in säkulare Belanglosigkeit zu bewahren, ließe sich positiv würdigen. Allerdings scheinen sie gegen ein Zerrbild von Liberalität zu kämpfen, das – jedenfalls in Sachsen – kaum Anhalt an der Realität hat. Ein großes Problem ist das damit verbundene Denken in einander feindlichen Lagern. Das führt nicht zu Verständigung und zum Abbau von Vorurteilen – wie es einem christlichen Geist gemäß wäre – sondern zu Verhärtung und Konflikt. Auffällig ist die Militanz und Unduldsamkeit, die sich eben nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Programmatik zeigt. Der christliche Glaube kennt aber viele verschiedenartige Ausdrucksformen. Die Bibel gebraucht das Bild von unterschiedlichen Arbeitern im Weinberg des Herrn, von vielen Gliedern am einen Leib, die einander in ihrer Unterschiedlichkeit aushalten sollen. Eine liberale Position kann in der Regel auch deutlich konservativere Positionen friedlich neben sich akzeptieren – unter der Voraussetzung, dass dort auch diese Toleranz aufgebracht und nicht zum Hass gegen andere aufgerufen wird. Allerdings fällt dem fundamentalistischen Denken eben diese Toleranz deutlich schwerer. Eine zu große Toleranz gegenüber der Intoleranz darf es aber nicht geben, sonst werden die Intoleranten die Toleranz abschaffen – das hat Karl Popper im Toleranzparadoxon treffend formuliert. Zu beklagen ist auch, mit welcher Arroganz oft Menschen abgesprochen wird, ebenso tief aus dem christlichen Glauben begründet zu leben, nur wenn sich dies nicht in der Rezitation traditioneller Formeln äußert.

Auch Konservative stehen vor der Aufgabe, die Botschaft des Evangeliums für die Gegenwart immer neu zu übersetzen. Die Formeln der Reformation können dabei helfen, aber diese Aufgabe nicht ersetzen – ansonsten drohen eine wirklichkeitsfremde Erstarrung und ein Reden in leeren Phrasen.

Das beste Mittel gegen Fundamentalismus ist, die berechtigten Anliegen hinter dem Fundamentalismus zu verstehen und in nicht-fundamentalistischer Weise auszudrücken – so hat es der frühere württembergische Weltanschauungsbeauftragte Hansjörg Hemminger mal treffend zusammengefasst. Für die Vertreter eines „liberalen“ Christentums könnte das bedeuten, mehr und klarer von ihrem Glauben zu reden, der sie zu ihren Taten motiviert. An die Vertreter eines „konservativen“ Christentums wäre der Wunsch gerichtet, da genauer hinzuschauen und zuzuhören.

Harald Lamprecht


1 Ein erster Bericht dazu von Daniel Rudolphi und Hannah Schünemann erschien in ZRW 88/5 (2025), 392–405.

3 crossbaerers.eu/de/faq/

4 youtube.com/watch?v=fA7-mEFpWj0

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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