Altar im Übungsraum von Yoga-Vidya Leipzig
Altar im Übungsraum von Yoga-Vidya Leipzig

Yoga als Weg zum Göttlichen

Zu Besuch bei Yoga Vidya in Leipzig

Yoga ist sehr populär. Immer mehr Yogalehrerinnen und -lehrer werden ausgebildet und werben für ihre Kurse. Krankenkassen bezahlen Yogastunden als Gesundheitsübung zur Entspannung und Gymnastik. Zeitschriften im Lifestyle-Bereich werben für Yoga-Retreats. Aber auch diverse spirituell orientierte Angebote führen Yoga im Namen. Wie das Verhältnis zwischen körperlich-gymnastischen und spirituell-religiösen Aspekten im Yoga beschaffen ist, wird oft kontrovers diskutiert. Die AG Religiöse Gemeinschaften des Evangelischen Bundes Sachsen wollte es genauer wissen und hat das Yoga-Vidya-Zentrum in Leipzig besucht.

Der Yoga-Vidya-Verband (www.yoga-vidya.de) ist einer der der größten Anbieter für Yoga in Deutschland. Er betreibt vier größere Seminarhäuser in Bad Meinberg (Teutoburger Wald), an der Nordsee, im Westerwald und im Allgäu sowie ca. 100 Zentren in diversen Städten für Yogakurse und 60 Orte für Lehrerausbildungen. Der Verband bezeichnet sich als mit Abstand größten Anbieter für Yogalehrer-Ausbildungen in Deutschland und Europa. Bereits 2012 hatten über 10.000 Teilnehmer eine solche Ausbildung absolviert.

Guru-Traditionslinie und Geschäftssinn

Dabei vertritt Yoga-Vidya eine Form des Yoga, die ihre hinduistisch-religiösen Wurzeln nicht verschweigt, sondern sich dezidiert dazu bekennt, in einer entsprechenden Guru-Tradition zu stehen. Die Seminarhäuser sind nicht nur Gästehotel und Kursort, sondern zugleich spirituelle Lebensgemeinschaften, also Ashrams in der indischen Tradition. In den Seminarhäusern hängen Bilder der Guru-Ahnenreihe an der Wand oder stehen auf den Altären, auf die man sich bezieht. Den Anfang bildet dabei der indische Arzt Swami Sivananda (1887-1963), der in seinen über 300 Büchern das traditionelle Yoga mit Elementen aus Medizin und Psychologie verband und so für eine westliche Rezeption aufbereitete. Dessen Schüler Swami Vishnu-devananda (1927-1993) sei in den Westen geschickt worden, um dort Yoga zu verbreiten und entwickelte des Konzept der Yoga-Seminarhäuser, in denen Ashrams als spirituelles Zentrum für die Yogalehrer-Ausbildung dienen. So gründete er Seminarhäuser in Wien (1972), München (1974) und Berlin (1991).

Einer seiner Schüler wiederum war von 1980-1991 Volker Bretz (*1963), der aus einer Unternehmerfamilie stammte. Als „Sukadev Bretz“ gründete er 1992 das erste Yoga-Vidya-Zentrum in Frankfurt a.M. 1995 entstand der Verein Yoga Vidya e.V. sowie der Berufsverband der Yoga-Vidya-Lehrer/innen (BYV). Weitere Berufsverbände folgten, die den entsprechenden Ausbildungswegen Anerkennung und Seriosität verschaffen: Berufsverband der Yoga Vidya Gesundheitsberater (BYVG), Berufsverband der Yoga und Ayurveda Therapeuten (BYAT) und als karitativer Verein das Brahma Vidya Hilfswerk.

Zum Erfolg dieser Unternehmungen scheint die Breite des Angebotes beigetragen zu haben, so dass zwischen primär gesundheitsorientiertem Gymnastik- und Entspannungsyoga und spirituell-religiöser Lebensgemeinschaft ein nahtloser Übergang geschaffen wurde, bei dem je nach individueller Bedürfnislage ein passendes Kursmodul gefunden werden kann. Der Anspruch „integrales“ Yoga zu vermitteln, das alle Lebensbereiche abdeckt, wird in den Zentren deutlich formuliert.

Spiritueller Weg

Unser Gesprächspartner in Leipzig, Herr Wahl, hat den indischen Vornamen „Manohara“ angenommen. Bevor er nach Leipzig kam, hatte er zunächst bei Sivananda im Berliner Yogazentrum gelernt und später die Yoga-Vidya-Zentren in Koblenz und in Köln geleitet. Nun ist er seit 16 Jahren in Leipzig und organisiert das dortige Zentrum. Zuerst war es in der Innenstadt in der Nikolaistraße, dann neben der Thomaskirche angesiedelt, inzwischen finden die Kurse in einer schönen Villa am Clara-Zetkin-Park statt.

Nach seinem Verständnis von Yoga zwischen Religion und Sport befragt, ist die Antwort deutlich: Yoga ist für ihn seinem Wesen nach ein spiritueller Weg. Wer nur Entspannung betreibt, sollte es nicht Yoga nennen. Ist Yoga Vida dann aus seiner Sicht eine Religionsgemeinschaft? Die Antwort darauf fällt deutlich schwerer, denn dafür müsste definiert werden, was Religion ist. Zwar könnte er sich eine Beteiligung am interreligiösen Dialog schon irgendwie vorstellen, aber er spricht in diesem Zusammenhang lieber von „spiritueller Lebensgemeinschaft“. Die verschiedenen Gottheiten des Hinduismus (Lakhsmi, Sarasvati, Durga etc.) seien lediglich unterschiedliche Facetten des einen Göttlichen. Das steht als Einheit hinter allem Seienden und verbindet alles miteinander. Diese Einheit zu erfahren sei durchaus ein Ziel des Yogaweges. Wenn Jesus also lehrt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, dann sei das für den Yogi logisch, denn dein Nächster und du selbst sind im letzten Wesen identisch.

Monismus oder Schöpfer?

Diese im Kern monistische Grundstruktur hinduistischen Denkens ist – so wird im Gespräch sehr deutlich – ein markanter Unterschied zum christlich-jüdischen Denken. In der Bibel wird auf den ersten Zeilen im Kontext der Schöpfungserzählung klargestellt, dass Gott als Schöpfer der Welt gegenüber steht, die seine Schöpfung ist. Es gibt keinen nahtlosen Übergang aus der Welt des Geschaffenen in die Sphäre des Schöpfers. Diese grundlegende Zweiteilung ist prägend für die Beziehungen zwischen Gott und Mensch im Christentum.

Einzelne hinduistische Gruppen, wie die (darin vom Christentum beeinflusste) Krishna-Bewegung können zwar auch in ähnlicher Weise dualistisch formulieren und Krishna als Schöpfergott bezeichnen. Im Bereich der Vedanta-Anhänger ist das aber anders, dort ist die beschriebene All-Einheits-Philosophie prägend.

Trotz festgestellter sachlicher fundamentaler Differenz in den religiösen Grundauffassungen ist es ein sehr angenehmes Gespräch. Schon nach sehr kurzem Miteinander diskutiert die Gruppe religiöse Grundsatzfragen in tiefschürfender Weise. Das ist möglich, weil der spirituelle Charakter des Yoga nicht geleugnet oder verschämt versteckt wurde. Dadurch war auf beiden Seiten ein echtes religiöses Interesse zu spüren, zwar in unterschiedlichen Religionen beheimatet, aber ernsthaft am gegenseitigen Verständnis interessiert.

Spirituelle Praxis

Die spirituelle Praxis im Zentrum findet z. B. Sonntagabends beim Satsang statt. Da kommen regelmäßig 10-20 Teilnehmende, um zu singen, zu beten und Mantas zu rezitieren.

Im Zentrum stehen an verschiedenen Orten Altäre mit Götterfiguren, denen auch regelmäßig frisches Wasser und Opfergaben vorgesetzt werden. Die Figur der Durga steht für die kosmische Mutter. Sie soll, wie er erklärt, Gott aus dem Abstrakten holen und eine emotionale Annäherung erleichtern. Sie reitet auf einem Löwen mit einem Schwert in der Hand, um das Böse fernzuhalten. Weitere Bilder zeigen Sarasvati und Shiva.

In den Kursen spricht Manohara Wahl allerdings nicht über Shiva oder Krishna, sondern eröffnet lediglich die Sitzungen mit dreimaligem Om und einem Mantra. Wer tiefer gehen möchte, soll seinen Atem beobachten und in die Stille gehen, um bei sich selbst anzukommen. Das Spüren der eigenen Verbindung zum Göttlichen im Inneren sei wichtiger als abstrakte Belehrungen über Gott, Shiva oder Meister.

Insgesamt hat er ca. 200 Personen zu Yogalehrern ausgebildet. Daraus ist ein Netzwerk entstanden, aus dem einige zu regelmäßigen Treffen kommen. Gemeinsame Treffen gibt es auch zweimal jährlich auf der Ebene der Yoga-Vidya-Zentrumsleiter oder mit den befreundeten Zentren der direkt auf Sivananda zurückgehenden Yoga-Linie.

Religion oder Sport?

Die Kernfrage, wie die religiösen und sportlichen Aspekte des Yoga im Verhältnis zueinander stehen, wird in unserer Gesprächsrunde heiß diskutiert. Mit dabei ist auch eine junge Frau, die in einem atheistischen Elternhaus aufwuchs und auf Bali eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin gemacht hatte. Für ihr Verständnis spielten die religösen Aspekte eher keine Rolle. Sie interpretierte entsprechende Aussagen historisch oder symbolisch, aber sie als Atheistin wollte ihre Yogapraxis nicht als religiös verstehen. Für den Zentrumsleiter Wahl hingegen sind die spirituellen Komponenten das Herz des Yoga. Dieses Spannungsfeld ist offenbar nicht ohne weiteres aufzulösen.

Es bleibt festzuhalten, dass Yoga von seiner Herkunft stark mit hinduistischer Spiritualität verbunden ist und daher jederzeit dafür offen ist, dass diese Elemente entdeckt und stark gemacht werden. Zugleich ist nicht zu übersehen, dass in einer westlichen Adaption diese Aspekte oft weggedrückt werden, weil allein die körperlichen und psychischen Effekte im Mittelpunkt des Interesses stehen. Für die Praxis des Yoga-Vidya-Verbandes bleibt die hinduistische Prägung des Yoga jedoch wesentlich.

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 1/2019 ab Seite 08