Der Mensch an der Grenze

Evangelischer Bund zum Verhältnis von Theologie und Naturwissenschaft

Während die große Sturmflut im November dafür sorgte, dass der Hafen von Rotterdam erstmalig in seiner Geschichte geschlossen werden musste, tagte in Rantum auf der Insel Sylt inmitten der tosenden Naturgewalten der Evangelische Bund mit seiner Generalversammlung zum Thema „Der Mensch an der Grenze - zum Verhältnis von Theologie und Naturwissenschaft“.

In den letzten Jahrzehnten haben verschiedene naturwissenschaftliche Entdeckungen weitreichende neue Möglichkeiten eröffnet. Deren Folgen lassen sich noch kaum abschätzen. Die Neurobiologie forscht an den Strukturen des Denkens bis hin zum religiösen Erleben. Stammzellenforschung verheißt neue Therapiemöglichkeiten, aber „verbraucht“ auch menschliche Embryonen. Nanotechnologien bergen ungekannte Möglichkeiten - aber vielleicht auch neue Risiken. Im Zusammenhang mit den Entdeckungen ist ein verstärkter Anspruch der Naturwissenschaften auf weltanschauliche Deutungen zu beobachten. Parallel dazu wird auch in manchen christlichen Kreisen das Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft als Konkurrenz begriffen und mit Kreationismus und „Intelligent Design“ der Kampf mit der Evolutionsbiologie gesucht. Mit den 140 Teilnehmern der ausgebuchten Tagung diskutierten namhafte Referenten aus Deutschland, Belgien und der Schweiz über die daraus entstehenden theologischen und ethischen Fragen.

Theologie und Naturwissenschaft

Gegenwärtig lässt sich ein massives neues Interesse an Naturwissenschaft feststellen, erklärte Dr. Hermann Düringer, Direktor der Evangelischen Akademie Arnoldshain, in seinem Hauptreferat. Das Verhältnis zu den Geisteswissenschaften muss darum neu bestimmt werden, wobei aber Konkurrenz ebenso wie Verdrängung oder Einverleibung nicht die besten Lösungen sind. Naturwissenschaftler können zunächst recht gut ohne Dialog mit der Theologie leben. Ihre Arbeit ist methodisch agnostisch. Gründe für den Dialog gibt es gleichwohl einige:

  • In den Grenzbereichen gibt es keine streng wissenschaftlichen Antworten mehr, sondern nur spekulative Thesen.
  • Naturwissenschaften sind auch nicht voraussetzungslos, andere Interessen und Werte fließen in die Forschung mit ein.
  • Naturwissenschaft ist mit ethischen und politischen Fragen verbunden (Technikfolgenabschätzung).
  • Naturwissenschaftler sind auch Menschen, Bürger, Eltern, Liebhaber etc. - ihre Lebensfragen spielen auch mit hinein und im Dialog mit der Theologie kann auch der Naturwissenschaftler sich der Begrenztheit der Naturwissenschaften bewusst werden.

Die Theologie hingegen kann ihrem Wesen nach naturwissenschaftliche Aussagen nicht übersehen, denn

a) wird sie apologetisch herausgefordert und muss zeigen, wie die Wahrheit der biblischen Texte heute neu ausgesagt werden kann,
b) ist der Dialog eine ethische Notwendigkeit (Gentechnik etc.)

Gegenwärtige Verhältnisbestimmungen

Weit verbreitet ist der Versuch einer konsequenten Trennung beider Bereiche. Programmatisch ist Karl Barths Bestimmung (Kirchliche Dogmatik Bd. 3, III,1) zur Schöpfungslehre: Die Naturwissenschaft hat freien Raum und die Theologie muss sich frei bewegen, wo die Naturwissenschaft ihre Grenze hat. Schöpfung und Abstammungslehre seien folglich so wenig zu vergleichen, wie eine Orgel mit einem Staubsauger schrieb Barth 1965 in einem Brief. Von Einklang könne man so wenig reden wie von Widerspruch. Richtig daran sei, so Dr. Düringer, dass beide verschiedene Sprachstile haben. Allerdings übersieht die Trennung, dass beide sich um die Erklärung derselben Wirklichkeit bemühen.

In der neueren katholischen Theologie gibt es darum Stimmen, die von einer Überlappung von Theologie und Naturwissenschaften sprechen. Der Wiener Kardinal Schönborn hat gemeint, der Glaube an einen Schöpfer könne nicht ohne Berührungspunkte zur konkreten Erforschung der Welt bleiben. Auch Papst Benedikt XVI. hat sich im Blick auf die Vernunft wiederholt dahingehend geäußert, dass er die Vernunft allem wissenschaftlichen Forschen vorordnet. Die Vernunft könne nicht zufälliges Nebenprodukt des Unvernünftigen sein.

Eine Konkurrenzsituation provozieren die Anhänger des Kreationismus und des „Intelligent Design“, indem sie biblische Aussagen des Schöpfungsberichtes als wissenschaftliche Aussagen zur Weltentstehung deklarieren und zu beweisen suchen.

Intelligent Design

Der Ansatz von Intelligent Design ist eigentlich „nur“ ein Ausfluss des US-amerikanischen Schulsystems, in dem aufgrund der radikalen Trennung von Staat und Kirche laut Verfassung keinerlei religiöser Unterricht erlaubt ist. Um dennoch den Schulkindern die Vorstellung der Schöpfung nahebringen zu können, wie dies in Deutschland im Religionsunterricht selbstverständlich ist, musste sie als Wissenschaft deklariert und dieser religiös gefärbte Begriff vermieden werden. In den Erklärungen der Protagonisten dieser Richtung ist folglich nie direkt von Gott die Rede, sondern es wird versucht, von bestimmten Naturgegebenheiten und unerklärlichen Elementen auf einen „intelligenten Designer“ als Urheber zu schlussfolgern.

Das Problem fundamentalistischer Glaubensverständnisse ist aber in der Regel, dass sie einen ganz schwachen Begriff vom Glauben haben. Darum wollen sie die Schwäche des Glaubens kompensieren, indem sie ihm eine wissenschaftliche Form zu geben versuchen. Dass Gottes Schöpfung Staunen auslöst, folgt aber nicht aus irgendwelchen Lücken der Evolutionsbiologie. Der Gott der Bibel versteckt sich nicht in kosmischen Konstanten und biochemischen Formeln, meinte Dr. Düringer.

Unvermischt und ungetrennt

Mit der Formel, die auf dem Konzil von Chalcedon im Jahre 451 zur Beschreibung der Naturen Christi verwendet wurde, beschrieb Dr. Düringer sein Verständnis des Verhältnisses, das gleichermaßen von Diskontinuität und Kontinuität geprägt ist. Die mittelalterliche Harmonie von Glauben und Vernunft wurde von den Reformatoren nicht geteilt. In dieser Welt wird es keine Einheit von beiden geben, auch nicht von Kirche und Welt oder Individuum und Kosmos. Im Blick auf das Ziel sind aber beide wiederum aufeinander bezogen. Das Bekenntnis eines Glaubens ist keine wissenschaftliche Aussage. Glaube ist keine Alternative zum Wissen, sondern Ausdruck von Vertrauen und Hoffnung. In diesem Sinn sind Glauben und Wissen, Theologie und Naturwissenschaft unvermischt und ungetrennt.

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 6/2007 ab Seite 09