Der Affe in der Falle

Zu Besuch bei einem Vortrag der "Christlichen Wissenschaft" (Christian Science)

Spinnenaffen sind possierliche Tierchen mit langen Schwänzen, die auf den Bäumen Lateinamerikas leben. Um sie zu fangen, stellen die Männer eine Kiste mit Früchten unter den Baum, die oben lediglich ein kleines Loch hat. Nach einer Weile kommen die Affen, um die Kiste zu untersuchen. Ein junger Affe greift hinein, fasst eine Frucht – und kann nun ohne Mühe gefangen werden, denn seine Beute will er nicht wieder loslassen, obwohl er sie nicht durch das Loch bekommt.

Loslassen

Wir sollen lernen, loszulassen und überkommene Ansichten, falsche Vorstellungen von der Welt und von Gott aufzugeben, von denen wir uns gefangennehmen lassen. Das war gleichsam der Kehrvers in dem Vortrag, zu dem die Dresdner Gemeinde der „Ersten Kirche Christi, Wissenschafter“ (Christian Science), am 2. 2. 2008 im Johannstädter Kulturtreff eingeladen hatte. Dieser ehemalige Plattenbau-Kindergarten ist Veranstaltungsort für die Gottesdienste der kleinen Dresdner Gemeinde. Einmal im Jahr wird zu einem öffentlichen Vortrag eingeladen, den ein Mitglied des Christian-Science-Vortragsrates hält. Der Referent dieses Nachmittages, Eberhard Lasch, stammt ursprünglich aus Oelsnitz, kam aber nach dem Zweiten Weltkrieg nach Lateinamerika, wo er 1971 Christian Science kennenlernte und seit 2003 hauptberuflich als Lehrer der „Christlichen Wissenschaft“ arbeitet. Knapp 50 Teilnehmer lauschten seinem Bemühen, das nicht ganz einfach zu verstehende Glaubenssystem von Christian Science anschaulich zu vermitteln.

Wiederentdeckung des christlichen Heilens

Die Schwierigkeiten resultieren vor allem daraus, dass Christian Science von einer radikalen Vorordnung des Geistes vor die Materie ausgeht – so radikal, dass die materielle Wirklichkeit überhaupt keine eigene Rolle mehr spielen darf. Konkret wird die Theorie von Christian Science vor allem im Bereich der Heilung. Die Gemeinschaft nimmt für sich in Anspruch, die verschüttete Tradition des christlichen Heilens wiederentdeckt zu haben. Daher bezogen sie in früheren Zeiten die umgangssprachliche Bezeichnung „Die Gesundbeter“. Wesentlicher Inhalt der Verkündigung ist folglich die Möglichkeit zur vollständigen Befreiung von Krankheit. Allerdings gehen die Versprechen sogar noch weiter: Nicht nur Krankheiten und körperliche Gebrechen, sondern letztlich alle menschlichen Probleme werden verschwinden, wenn man die wahre Realität Gottes erkennt, meinte Herr Lasch in seinem Vortrag.

Gott als Prinzip

„Gott“ sei dabei nicht im „religiösen Sinn“ zu verstehen, sondern mehr „im wissenschaftlichen Sinn“ als Wahrheit und Grundlage von allem, als ein göttliches Prinzip, das Liebe ist. So, wie z.B. die Zahlen keine Dinge sind, sondern Ideen, die niemals kaputt gehen können und an denen kein Mangel bestehen kann, so seien auch die Menschen in Wirklichkeit keine materiellen Wesen, sondern göttliche Ideen, die auch nicht kaputt gehen können. Dies sei die eigentliche Botschaft von Jesus gewesen, meinte Herr Lasch. Mary Baker Eddy, die Gründerin von Christian Science, habe 1866 die Gesetze der göttlichen Harmonie wiederentdeckt. Demnach kann Gott als das reine Prinzip der Liebe und des Guten auch nur Gesetze der Harmonie geschaffen haben. Das Böse, Krankheit, Sünde und Tod erscheinen uns in der materiellen Welt zwar wirklich, sie sind aber nicht wahr bei Gott. Dies seien alles falsche Konzepte des menschlichen Denkens, die man ablegen müsse, um neuen Konzepten Raum zu geben. Solange die Menschen das alte gewohnte Denken nicht loslassen, so wie der Affe seine Frucht, bleiben sie gefangen. Mit der Würze dieser und etlicher anderer kleiner Beispielgeschichten versuchte Herr Lasch die mit der Lehre von Christian Science verbundenen Zumutungen schmackhaft zu machen.

Der wahre Fehler des Affen

Allerdings: manche Beispiele hinken - oder sie zeigen unbewusst und vom Redner unbeabsichtigt eine ganz andere, tiefere Wahrheit auf. Der Affe wurde gefangen, weil er die Frucht nicht loslassen wollte. Das ist richtig. Aber was war denn die Frucht? Woran hat er denn genau festgehalten? Nicht etwa an der langen und erprobten Affenerfahrung, dass Essen nicht einfach auf der Straße liegt. Er klammerte sich an eine Illusion, die kurz und verlockend vor ihm aufblitzte: man könne einfach das Böse ignorieren, dann sei es nicht mehr existent. Es ist doch offensichtlich so, dass nicht die vom Redner gescholtenen traditionellen und überkommenen Auffassungen den Affen in die Falle führten, sondern die Verlockungen des neuen Köders. Das Versprechen, seine (Nahrungs-)Probleme einfach zu lösen, fand er so verlockend, dass er dieses nicht fahren lassen wollte, obwohl seine Häscher bereits nach ihm griffen.

Flucht in den Idealismus

Christian Science verspricht, dass die Probleme verschwinden, wenn man sich ganz auf Gott ausrichtet. Praktisch bedeutet dies, die Probleme zu ignorieren. Nicht mit dem Problem, nicht mit der Krankheit solle man sich beschäftigen, sondern im Geist Zuflucht zu Gott als einem spirituellen Prinzip des Guten suchen. Daran ist zumindest so viel richtig, dass ein ständiges Beschäftigen mit den eigenen Krankheiten und Problemen ohne Perspektive in der Tat eine Heilung eher erschweren als befördern kann. Die von Mary Baker Eddy vertretene Auffassung geht aber darüber hinaus, leugnet die Leiblichkeit des Menschen und damit auch die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Das Heil wird bei Christian Science spiritualisiert.

Das System der „Christlichen Wissenschaft“ hat trotz des Namens mit echter Wissenschaft wenig zu tun. Daran ändern auch die von der Gruppe eifrig gesammelten Heilungsberichte nichts. An der Stelle von Beweisen steht enormer Bedarf an Glauben – Glauben gegen den Augenschein und in Abkoppelung von der Realität.

Gesundheitliche Risiken

Zu einem echten Problem kann diese Auffassung dadurch werden, dass sie in einen Konflikt zur Anwendung moderner Medizin führt. Ein Arztbesuch ist dann Zeichen und Beweis mangelnden Glaubens. Wenn aus solchem Glauben heraus wichtige Behandlungen unterbleiben, können daraus echte gesundheitliche Gefährdungen entstehen. Dann sitzt der Affe wirklich in der Falle und hat nicht rechtzeitig losgelassen.

Harald Lamprecht

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 2/2008 ab Seite 04