Es gibt kein unheilbar?
Der Norddeutsche Rundfunk hat sich in einer ausführlichen Dokumentation in der Reihe „Die Story“ mit dem Bruno-Gröning-Freundeskreis (BGF) befasst. Unter dem Titel „Undercover bei den Wunderheilern. Die gefährlichen Versprechen von Bruno Gröning“ ist der Film in der ARD-Mediathek bis 27.10.2027 verfügbar.
Das Autorenduo Edith Dietrich und Herbert Kordes hat sich intensiv mit der Materie befasst und gründliche Arbeit geleistet: die Geschichte aufgearbeitet, Veranstaltungen des BGF besucht, mit ehemaligen und aktiven Mitgliedern sowie Angehörigen gesprochen, Experten für Medizingeschichte und Weltanschauungsfragen interviewt. Sogar mit Dieter Häusler, dem Sohn der Gründerin und gegenwärtigen Leiter des BGF wurde ein Interview geführt und dessen Reaktionen und Stellungnahmen auf die Beobachtungen des Films mit aufgenommen.
Der Wunderheiler
Bruno Gröning hieß eigentlich Bruno Grönkowski und wurde 1906 in Danzig (heute: Gdańsk) geboren. Nach dem Kriegsende begann sein öffentliches Auftreten als Wunderheiler. Angeblich heilt er 1949 Dieter Hülsmann, der an progressiver Muskeldystrophie litt. Dass dieser 6 Jahre später an seiner Krankheit starb, bremst nicht den Mythos um Grönings angebliche Heilkräfte.
Tausende strömten zu ihm. Es gab kritische Beurteilungen namhafter Mediziner, die Behörden schritten ein und verboten die Ausübung jeder Heilertätigkeit. Wegen Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz und fahrlässiger Tötung stand Gröning 1958 in München vor Gericht. Den Ausgang des Revisionsprozesses erlebte er nicht mehr, denn er starb im Januar 1959 in einer Klinik in Paris an Krebs. Sein Grab wurde zum Wallfahrtsort für die Anhänger.
Revival im BGF
20 Jahre später gründete Grete Häusler (1922-2007) den „Bruno Gröning Freundeskreis“ mit dem Anspruch, sein Werk fortzusetzen. Dabei wurde die Lehre allerdings auch umgeformt. Während Gröning von einem schlichten Volkskatholizismus geprägt war, kamen im BGF mehr esoterische Elemente in die Glaubensvorstellungen. Der BGF organisiert Treffen, in denen sich die Anhängerinnen und Anhänger unter dem Bild Grönings versammeln, Heilungsberichte verkündet werden und durch Einstellen auf den Heilstrom von Gröning Genesung erhofft und geglaubt wird.
Neben dem BGF gibt es kleinere Konkurrenten und Abspaltungen, die sich auch auf das Erbe Grönings berufen, aber vom BGF organisatorisch getrennt sind. Dazu gehören
Zum BGF gehören ca. 700 Gemeinschaften in Deutschland. Der NDR nennt Angaben des BGF von mehreren Tausend Mitgliedern in Deutschland und ca. 88.000 weltweit.
Der Transformator
Gröning ging davon aus, dass die Heilkraft selbst von Gott kommt. Ihm selbst komme dabei die Rolle eines Transformators zu. Er wandele die hohen göttlichen Energien so um, dass die Menschen das bekommen, was sie brauchen und aufnehmen könnten.
Wissenschaft oder Religion?
Der BGF versteht sich selbst nicht als Religionsgemeinschaft – auch wenn es zentral um den „Glauben“ an Gröning und den durch ihn vermittelten göttlichen Heilstrom geht. Die Reporterin des NDR-Beitrages ging dem Werbeslogan nach „Es gibt kein Unheilbar!“ Die erste von ihr besuchte Informationsveranstaltung war vollgestopft mit Heilungsberichten. Ihr Fazit: „Da drin war mehr Andacht als bei einer katholischen Messe. Die Leute nennen sich „Freunde“ und die waren auch freundlich - und ganz schön spirituell.“ Die Versammlungen zur „Einstellung“ würde sie mit „Gebetsstunde“ übersetzen. Es geht um das gläubige Vertrauen auf Bruno. Dazu motivieren sollen die Heilungsberichte.
Medizinisch-Wissenschaftliche Fachgruppe
Im BGF gibt es die sogenannte „Medizinisch-Wissenschaftliche Fachgruppe“ (MWF). Deren Funktion: Heilungsberichte „wissenschaftlich“ untersuchen. Der Film zeigt zahlreiches Aktenmaterial der Fachgruppe. Dabei gibt es aber ein grundlegendes methodisches Problem: Eine Heilung „durch Gröning“ lässt sich wissenschaftlich nicht beweisen. Das ist und bleibt eine Glaubensaussage. Insofern sind die Statements zweigeteilt: Zunächst werden in medizinischem Vokabular der Krankheitsverlauf und die Symptomverbesserung beschrieben. Dieser Teil schließt üblicherweise mit der Feststellung, dass eine solche Heilung schulmedizinisch nicht erklärlich sei. Daran schließt sich die persönliche Glaubensaussage des Mediziners an, dass Grönings Heilstrom für diese Heilung ursächlich wäre. Dieses Setting erzeugt die Suggestion, die wissenschaftliche Evidenz der Faktenuntersuchung würde in gleicher Weise auch für die Glaubensaussage gelten. Das ist aber ein – offenbar bewusst provozierter – Irrtum.
Vergleich zum Christentum
Einen Vergleich zu Heilungserwartungen im Christentum nimmt die Reportage nicht vor. Dabei wäre eine solche Gegenüberstellung durchaus aufschlussreich. Strukturell gibt es im christlichen Bereich weitgehend analoge Vorgänge, etwa im Kontext charismatischer Heilungsgottesdienste oder bei den Healing-Rooms. Auch dort wird besondere Heilung von Gott erwartet. Es gibt Berichte von erlebten Heilungen, die mitunter breiten Raum einnehmen und damit verbundene Glaubensaussagen, dass die Gebete der Gemeinschaft darauf Einfluss gehabt haben können. Grundsätzlich ist eine solche Glaubensvorstellung auch in keiner Weise schlecht. Im Gegenteil. Zum einen gibt es etliche medizinische Untersuchungen, die belegen, dass die Erwartung von Heilung auch tatsächlich den Heilungsprozess positiv beeinflussen kann (man denke nur an den berühmten Placebo-Effekt). Zum anderen geht der christliche Glaube davon aus, dass in der Tat Gebete sinnvoll sind und dass Heilung in Gottes Händen liegt und bei ihm nichts unmöglich ist.
Ein Unterschied besteht darin, dass im christlichen Kontext unbestritten ist, dass sich die Heilungserwartung auf dem Feld von Religion und Glauben abspielt, während der BGF diesen Aspekt eher negiert. Stattdessen ist er bemüht, Wissenschaftlichkeit für Glaubensvorgänge zu reklamieren. Das ist aus Prinzip unredlich.
Schuldverlagerung
Es gibt allerdings noch ein grundlegendes Problem, und das betrifft christliche Heilungsveranstaltungen genauso wie den BGF und andere Heilungsangebote: Wie ist der Umgang mit denen, die krank bleiben und nicht geheilt werden? Überzogene Erwartungen, die eine Unfehlbarkeit der Methode behaupten (sei es der unbedingte Heilungswille Gottes oder der immer wirksame Heilstrom Grönings) verlagern immer das Problem auf das Verhalten der Patienten. Wenn es dann nämlich nicht „funktioniert“ hat, dann ist die Person selbst schuld, weil sie nicht genug geglaubt und gebetet oder noch unbereute Sünden oder nicht genug Vertrauen zu Grönings Heilstrom gehabt habe. In der Reportage schildert eine Frau ihren Schmerz über die Umstände des Todes ihrer Schwester, die im Vertrauen auf Gröning medizinische Behandlungen weithin abgelehnt hat und am Ende in dieser Verzweiflung gestorben ist. „Sie ist mit dem Gefühl gestorben, es nicht geschafft zu haben. Also sie ist dafür verantwortlich, dass sie nicht geheilt worden ist, weil sie offensichtlich nicht alles richtig gemacht hat. Und das finde ich an der Geschichte so brutal. Es ist sehr schwer, damit umzugehen.“
Vogel-Strauß-Prinzip
Im BGF sind Heilungsberichte allgegenwärtig – dennoch darf über Krankheit nicht gesprochen werden. „Hier wird von Krankheit nicht gesprochen. Nicht eine Silbe von Krankheit wird hier gesprochen.“ hört man Bruno Gröning in einer Archivaufnahme sagen. Die negativen Aspekte des Daseins sollen ausgeblendet werden, ganz so, als würden sie verschwinden, wenn man nicht darüber reden darf.
Eine solche Tabuisierung löst aber keine Probleme – es versteckt sie nur. Auch die negativen Folgen einer solchen Haltung werden in der Sendung thematisiert. Menschen erhalten obwohl es ihnen offensichtlich schlecht geht nicht die Unterstützung, die sie brauchen, sondern lediglich Ermahnungen: „Wir haben kein Recht, uns einzumischen. Bruno Gröning ist der große Heiler, da müssen wir uns drauf verlassen.“
Reglungen
Zu den Methoden der Umdefinition von Krankheit gehört auch der Begriff „Regelungen“ beim BGF. Er ist eine Bezeichnung für Schmerzen, die sich angeblich einstellen, wenn die Heilung beginnt zu wirken und deshalb den Körper verändert. Dass Schmerzen ein Warnsignal des Körpers sind, der damit darauf hinweist, dass etwas nicht in Ordnung ist, gilt dort nicht. Durch die Rede von den „Regelungen“ ist die Krankheit gewissermaßen wegdefiniert. Die Schmerzen, die früher zur Krankheit gehörten, sind zwar immer noch da, nun aber gelten sie als Regelung und damit Ausweis des Heilungsprozesses. Nun mag es durchaus sein, dass eine solche Umdefinition das subjektive Wohlbefinden verbessern kann, da man nun – trotz Schmerzen – ja nicht mehr „krank“ ist, sondern vielmehr als „gesund“ zu gelten hat. Dennoch bleibt das grundlegende Problem, dass diese Methode Menschen davon abhält, wirksame medizinische Behandlung in Anspruch zu nehmen.
Ambivalentes Verhältnis zur Medizin
Damit wären wir bei dem recht widersprüchlichen Verhältnis zur wissenschaftlichen Medizin im BGF. Auf der einen Seite steht eine positive Affirmation zur modernen Medizin insofern, als es mit der Medizinisch-Wissenschaftlichen Fachgruppe das Bemühen um Anknüpfung gibt. Die positive Reputation der Wissenschaft soll auch auf das Konzept des Heilstroms von Gröning ausgedehnt werden. Ärzte werden zu Veranstaltungen eingeladen, bei Werbeveranstaltungen des BGF treten nicht selten auch Mediziner auf, um die besondern Heilungen zu dokumentieren.
Weiterhin hört man im BGF oft die Behauptung, man würde nicht vom Arztbesuch abraten und das Einstellen auf den Heilstrom sei ergänzend und stünde nicht im Konflikt mit medizinischen Behandlungen.
Das ist aber nur die eine, die äußere Seite. Im Inneren der Gemeinschaft entsteht ein völlig anderes Bild. Das hat die Reporterin in dem Beitrag des NDR deutlich herausgearbeitet. Die Heilungsberichte in den Gruppenveranstaltungen enthalten als häufige Aussage eine Verweigerung medizinischer Behandlung, was als Beweis für das Vertrauen in Gröning und den Heilstrom dargestellt wird. Das deckt sich auch mit eigenen Erfahrungen.4 Im Beitrag kommt der Medizinhistoriker Mildenberger zu Wort, der diese suggestive Medizinfeindschaft schon bei Gröning selbst beobachtet hat: „Er hat nicht ausdrücklich gesagt, geh nicht zum Arzt. Aber er hat den Leuten suggeriert, dass sie den Arzt nicht brauchen würden. Und die Menschen haben ihm geglaubt. Die Patienten haben aus seinen Worten etwas abgeleitet. Wenn sie den Heilstrom haben, eine übernatürlichen Kraft, sozusagen den direkten Draht zu Gott: Dann benötigen sie nicht mehr so etwas Irdisches wie eine schulmedizinische Behandlung.“
Diese implizite Medizinverweigerung scheint im BGF weit verbreitet zu sein. Nicht immer ist das nur die Schuld des BGF. Manche Menschen kommen auch zu ihm, weil sie vorher schon zu der Überzeugung gelangt sind, moderne Medizin abzulehnen und darum „alternative“ Wege der Geistheilung zu suchen. Aber offenbar finden diese Menschen im BGF Aufnahme und ein Milieu, das sie faktisch in dieser Haltung bestärkt.
Fazit
Das große Versprechen „Es gibt kein Unheilbar“, mit dem der BGF weithin wirbt, kann er nicht konkret einlösen. Der Anspruch auf „Wissenschaft“ ist eine Nebelkerze und gilt nur für den Bereich der Verlaufsdokumentation. Weder das Wirkprinzip des „Heilstroms“ noch die Glaubensaussagen, die das Ergebnis Grönings Wirken zuschreiben, entsprechen wissenschaftlicher Methodik.
An deren Stelle treten Sprachregelungen, Tabus und Suggestionen sowie eine gefährliche Schuldumkehr, die den Patienten die Schuld an ihrer Erkrankung aufbürdet. Wo trotz gegenläufiger Erklärungen in der Praxis die Hilfe wissenschaftlicher Medizin verächtlich gemacht und als Bruch des Vertrauens auf Gröning gewertet wird, liegen darin die eigentlichen Gefahren dieser Bewegung.
Harald Lamprecht
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