Colonia-dignidad-Gründer Paul Schäfer tot

Der Gründer der deutschen Siedlung „Colonia Dignidad“ in Chile, Paul Schäfer, ist im chilenischen Gefängnis an Herzversagen gestorben. 2006 wurde der damals 85jährige wegen Mordes, Folter und Missbrauchs zahlreicher Kinder zu 20 Jahren Haft verurteilt. Vorangegangen war furchtbares Leiden für hunderte Menschen.

Nach dem 2. Weltkrieg hatte Schäfer zunächst als Jugendleiter beim CVJM gearbeitet. Dort vergriff er sich an zwei Jungen und wurde gekündigt. Daraufhin baute er eine Jugendheim–anstalt auf, bis er wieder wegen Vergewaltigung angezeigt wurde. Der Haft entzog er sich durch Flucht nach Chile. Dort gründete er mit ca. 300 deutschen Aussiedlern die Colonia Dignidad („Kolonie der Würde“).

Auf den ca. 18000 ha Land lebten die Bewohner vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt. Es bildeten sich sektenhafte Strukturen unter Führung von Schäfer und dem Prediger Hugo Baar, der vorher eine fundamentalistische Baptistengemeinde geleitet hatte. Schäfer und Baar präsentierten sich als mit besonderer göttlicher Vollmacht ausgestattet. Ehepartner wurden auseinander gerissen, sexuelle Enthaltsamkeit gepredigt, während Schäfer immer neue Kinder aus deutschen und chilenischen Kinderheimen in die Siedlung aufnahm und sich an ihnen vergriff.

Während des Pinochet-Regimes diente die Siedlung als Folterlager für Regimekritiker. Seit 1997 war Schäfer auf der Flucht, nachdem er von Lagerinsassen angezeigt wurde. Die Kolonie heißt heute Villa Baviera (Bayrisches Dorf) und beherbergt noch ca. 300 Bewohner. Auch wenn die Sektenzeit vorüber und freies Kommen und Gehen für die Bewohner möglich ist, bleibt es ein schweres Erbe. Viele Bewohner sind dort als Kinder ohne intakte Familienstrukturen aufgewachsen und haben nie ein freies und selbstbestimmtes Leben kennengelernt. Daher sind sie stets in der Gefahr, in neue ähnliche Abhängigkeiten zu geraten.

HL

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 2/2010 ab Seite 04