Seelsorge und Psychiatrie

Ein ungewöhnlicher Mordfall in Hessen hat die Diskussion um das Verhältnis von christlichem Heilungsgebet und psychiatrischer Hilfe angefacht. Ein 39-jähriger Mann, der sich in der Vergangenheit wegen Depressionen in Behandlung befunden hatte, hat an einem Sonntagmorgen kurz vor Dienstschluss den Pförtner eines Werkes in Herborn erschlagen. Dazu hatte er sich nackt ausgezogen und den Pförtner um Hilfe gebeten, daraufhin jedoch dem Mann mit einem Feuerlöscher den Schädel zertrümmert. Die Polizei fand in seiner Wohnung auf dem Fußboden das Wort „Teufel“ mit Blut geschrieben. Vor Gericht gab er an, er hätte auf Geheiß einer inneren Stimme gehandelt, die im einredete, er sei Jesus Christus. Bei der Tat sei er von der Vorstellung überwältigt gewesen, den Teufel in Gestalt des Pförtners, den er vorher nicht kannte, töten zu müssen. Er wurde wegen Schizophrenie für schuldunfähig erachtet und zur dauerhaften Unterbringung in eine Klinik eingewiesen.

In der Gerichtsverhandlung wurde auch untersucht, welche Rolle sein Kontakt zum Christlichen Zentrum Herborn (CZH) spielte, die zum Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) gehört. Ebenso hatte er Kontakt zum Verein „Heilungsgebet“ in Wetzlar, der auf der Basis der Evangelischen Allianz arbeitet und sich auf Fürbittgebete für Kranke spezialisiert hat. Die Richterin wollte ergründen, ob die Schizophrenie zu erkennen und die Tat bei früherem fachmedizinischen Eingreifen zu verhindern gewesen wäre. Von den inneren Stimmen wusste aber nur ein Gemeindeglied, ein Schreiner, etwas. „Ich habe ihm erklärt - wenn er Stimmen hört -, wo es herkommt. Es gibt drei Möglichkeiten: die innere Stimme, die Stimme Gottes oder die Stimme des Satans, des Teufels. Wenn er die innere Stimme hört, soll er überlegen, was er macht. Der Stimme Gottes soll er folgen und der Stimme des Teufels auf gar keinen Fall folgen. Das hat er auch verstanden und gesagt, dass er das befolgen wolle.“ Die Idee, dass es sich um eine Schizophrenie handeln könnte, ist ihm nicht gekommen.1

Auf Anfrage des Magazins „idea“ sagte der Chefarzt für Psychotherapie und Psychosomatik an der Klinik Hohe Mark, Martin Grabe (Oberursel) dazu, es sei zwar immer richtig, für Menschen zu beten. Wenn aber Psychosen zutage träten, sei es blauäugig und unverantwortlich, ohne psychologische Kompetenz Seelsorge zu üben. Eine Heilung von psychischen Erkrankungen durch Gebet schließt Grabe zwar nicht aus, aber ein solches „Wunder“ sei immer die große Ausnahme. In charismatischen Kreisen bestehe die Gefahr, dass Wunder zur Norm erklärt würden.

Ähnlich äußerte sich der Vizepräses des BFP, Frank Uphoff aus München gegenüber idea. Trotz des Vertrauens auf das übernatürliche Wirken Gottes sei es unverantwortlich, etwa bei religiösem Wahn auf psychiatrische Behandlung zu verzichten.

Prof. Ulrich Giesekus von der Internationalen Hochschule Liebenzell warnte gegenüber idea vor Heilungsversprechen allein durch Gebet, besonders wenn eine medizinische Behandlung, etwa durch Medikamente, als Zeichen des Unglaubens abgelehnt werde. Aus theologischer Sicht müsse man zwischen Transzendenz und Schöpfung unterscheiden, wobei der Gehirnstoffwechsel eindeutig zum Bereich der Schöpfung gehöre. Darum könne es tragische Folgen haben, wenn etwa geraten würde, auf Medikamente zu verzichten. Seelsorge und medizinische Behandlung gehörten gleichberechtigt zusammen, meinte Giesekus.

HL

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 1/2015 ab Seite 03