
Bibel lesen ohne Antisemitismus
Antisemitismus ist gelernt. Niemand wird als Antisemit geboren. Aber er umgibt uns als Teil unserer christlichen Tradition in den überlieferten Bildern und gelernten Sichtweisen auf die biblischen Texte. Über Jahrhunderte hat sich eine antijüdische Lesart der biblischen Berichte etabliert. Da sind die Juden die Feinde. Wir schauen auf die Texte der Bibel gewissermaßen durch eine gefärbte Brille, die manche Kontraste überstärkt und andere verdeckt. Es kommt darauf an, diese Brille abzusetzen. Kann es gelingen, die Bibel ohne solch internalisierte Judentumsfeindschaft zu lesen? Es braucht eigentlich nicht mehr als den genauen Blick auf den Text – ohne solche vorauseilende mitgebrachte und fehldeutende Interpretationen.
Bildstörungen
Dazu gibt ein Projekt an der Evangelischen Akademie zu Berlin Hilfestellungen. Das Projekt nennt sich „Bildstörungen“. Es möchte die verfestigten Bilder stören, die in vielen Köpfen (und Schulbüchern) stecken und das Judentum in einer unangemessen negativ überzeichneten Perspektive darstellen.
Aus dem Projekt ist eine Online-Vorlesungsreihe entstanden. Darin werden eine Reihe von Bibelauslegungen in einer solchen „antisemitismuskritischen“ Weise vorgestellt und neue, ungewohnte Perspektiven eröffnet: auf Judas, die Priester und Leviten beim „Barmherzigen Samariter“, das Prinzip Auge um Auge u.v.a.m. Die Theologin Katharina von Kellenbach arbeitet bei diesem Projekt und hat im Rahmen einer Bibelarbeit bei den Christlichen Begegnungstagen 2024 in Frankfurt (Oder) einen aufschlussreichen Einblick in diese Bemühungen vermittelt.
Bilder im Kopf
Der Blick richtete sich auf den Text in Joh 8 „Jesus und die Ehebrecherin“: Eine des Ehebruchs beschuldigte Frau wird zu Jesus gebracht und er wird nach seinem Urteil befragt. Die Antwort von Jesus: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“
Welche Bilder entstehen im Kopf bei diesem Textabschnitt? Vor dem inneren Auge erscheint eine wütende Meute grimmiger jüdischer Männer. Lucas Cranach malte einen, der schon einen Stein in der Hand hielt. Jesus steht denen gegenüber. Er, der sanfte, der im Sand malt, ist der ganz andere. Er gehört nicht dazu. Dabei findet eine Verschiebung statt. Das Böse ist in dieser Sicht auf die Erzählung gar nicht mehr so sehr der Ehebruch, sondern die wilde Horde, die eine wehrlose Frau grausam umbringen will und durch Jesus davon abgehalten wird. Als Problem erscheint dann weniger das konkrete Vergehen, sondern die Juden und das jüdische Gesetz.
So oder so ähnlich sind Bilder, die häufig aufgerufen werden. Aber sie sind falsch. Jesus war selbst Jude. Er ist nicht grundlegend anders. Er denkt und handelt innerhalb der jüdischen Tradition. Das zu übersehen ist der grundlegende Fehler.
Fachdiskurs statt Lynchmob
Das beginnt mit Situation und Ort des Geschehens: Im Tempel. Jesus hat den Tempel offenbar nicht rundweg abgelehnt, denn er ist dort – freiwillig, um zu lehren. Das scheint auch kein ungewöhnlicher Vorgang gewesen zu sein. Die Anrede „Meister“ offenbart eine ehrenvolle Anrede als anerkannter jüdischer Rabbi. Er ist Respektsperson in einer innerjüdischen Fachdiskussion. Die Umstehenden wollen seine Meinung wissen. Weder war die Menge wütend, noch hatte dort jemand schon einen Stein dabei. Es ist kein Lynchmob beschrieben. Das in Joh 8 beschriebene Geschehen ist eine Gelehrtendiskussion um eine Detailfrage aus dem jüdischen Gesetz – und wie eigentlich immer nicht abstrakt, sondern am konkreten praktischen Beispiel.
Jüdisches Gesetz
Das Beispiel handelt von Ehebruch. Das ist im Kontext von Ex 20,17 weniger ein Sexualdelikt als vielmehr ein Eigentumsdelikt („Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.“). Würde es um Ehebruch gehen, dann fehlen hier zwei Männer: der andere Ehebrecher, für den die gleiche Strafe gilt, und der betrogene Ehemann als Ankläger. Schließlich gibt es noch die Forderung von zwei unabhängigen Zeugen. Die Zwei-Zeugen-Regel führt dazu, dass bereits innerhalb des jüdischen Rechtssystems die martialische Strafe faktisch weitgehend ausgebremst ist, weil Ehebruch selten vor Zeugen stattfindet.
Internalisierung des Gebotes
Jesus argumentiert nicht halachisch-gesetzlich. Aber er schafft das Gesetz nicht ab. Vielmehr ist bei ihm immer wieder der Grundzug zu beobachten, Regeln des Gesetzes auf zuvor liegende innere Einstellungen zu beziehen. Die Verschärfungen der Bergpredigt zeigen auch dieses Element: Es geht nicht erst um die Tat, sondern bereits um das Begehren. Das ist aber nicht justiziabel. So auch hier: Jesus verhindert das schnelle selbstgerechte Verurteilen, indem er eine kritische Selbstprüfung davor setzt. Das funktioniert offensichtlich innerhalb des Judentums und nicht gegen die Juden. Solch reflektierte Selbstdisziplin einer Menschengruppe ist außerordentlich erstaunlich. Am Ende blieb niemand übrig, der tatsächlich die Strafe fordern wollte. Ob das bei einer linken Studentenbewegung oder in einer evangelikalen Lebensschutzgruppe auch so funktioniert hätte?
Welche Urteile?
Die Erzählung in Joh 8 schildert allerdings kein Gerichtsverfahren. Solches folgt ganz anderen Regeln. Hier gibt es keine Ankläger, Verteidiger, Angeklagten etc. Es wäre falsch und gefährlich, die geniale Antwort von Jesus auf einen solchen Kontext zu beziehen. Das würde ein jegliches Rechtssystem verunmöglichen, wenn nur noch perfekte Menschen Urteile sprechen dürfen. Der Organisator des Holocaust Adolf Eichmann hatte sich während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse auf diesen Vers berufen, um seiner Verurteilung zu entgehen. Das wäre ein Missbrauch dieses Bibelwortes. Die Totalisierung des Spruches würde ihn ins Absurde führen.
Schlimmes Erbe
In der Diskussion wurde das Problem angesprochen, dass solche Auslegungstraditionen, die das Judentum negativ verzerren, in zahlreichen theologischen Lehrbüchern stecken. Kommentare von Walter Grundmann stehen nicht nur in vielen Pfarramtsregalen, sondern werden u.a. nach Afrika exportiert, dort gelesen und begründen dort z.T. aufs Neue eine Kultur von antisemitisch gefärbten Bibelinterpretationen. Wie lässt sich das vermeiden? Als Faustregel kann gelten: Die Alarmglocken sollten immer angehen, wenn in einer Interpretation die Bösen jüdisch gezeichnet werden. Dem gegenüber gilt es durchzubuchstabieren, was es bedeutet: Jesus war Jude.
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