#VerständigungsOrte – wie Zuhören gelingen kann

Praktische Erfahrungen aus Sachsen

Vernünftige Debatten sind schwierig geworden. Durch die kommerzielle Erregungsbewirtschaftung der Algorithmen sowie gezielte Desinformationskampagnen sind in den sozialen Medien weitgehend getrennte „Meinungsbubbles“ entstanden. Auch im analogen Raum fällt es zunehmend schwer, deren Grenzen zu überschreiten und mit Menschen zu diskutieren, die die jeweils anderen Informationskanäle mit ihrem Vertrauen beschenken.

Vor diesem Hintergrund haben die Zukunftswerkstatt „midi“ der Evangelischen Kirche und der Diakonie Deutschland die Kampagne #VerständigungsOrte gestartet. Sie möchte Formate entwickeln und erproben, die sich diesem Trend entgegenstellen. Das Ziel lautet: Verständigung ermöglichen – auch und gerade über Meinungsbubbles hinweg. Dafür müssen zunächst die Voraussetzungen geschaffen werden – und eine wesentliche Voraussetzung für ein gelingendes Gespräch ist es, dass man sich gegenseitig zuhört. Aber dies geschieht oft nicht mehr. Es wird zu viel gesendet und zu wenig empfangen. Daher ist der erste Schritt auf dem Weg, wieder einander zuhören zu lernen.

Als Auftakt für #VerständigungsOrte wurden im Jahr 2025 an verschiedenen Orten in Deutschland Dialogforen initiiert, die jeweils unterschiedliche Themen der gesellschaftlich kontroversen Debatten angepackt haben (Klima, Frieden, Corona, Migration, Rechtsextremismus). Dort wurden Methoden erprobt, wie dieses Zuhören gelingen kann.

Corona – und wie weiter?

Das Dialogforum zum Thema „Corona – und wie weiter?“ fand in Coswig bei Dresden am 29. September 2025 statt. Es besteht der Plan, aus dem dort erprobten Veranstaltungskonzept – verbunden mit Erfahrungen aus den anderen Dialogforen – eine Anleitung zu entwickeln, wie mit wenig Aufwand auch an anderen Orten ähnliche #VerständigungsOrte gestaltet werden können. Vor diesem Hintergrund steht die folgende Beschreibung des Abends in Coswig. Dabei liegt der Schwerpunkt auf einer Begründung für bestimmte Entscheidungen in Ablauf, Struktur und Methodik der Veranstaltung.

Durchmischung

Herzstück ist nicht das Podium mit bekannten Gästen, sondern sind die Gespräche zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an den Tischen, die im Saal verteilt für jeweils 6 Personen aufgestellt waren. Damit das gelingt, sind einige Vorbereitungen zu treffen. Das beginnt am Eingang, wo die Gäste eine farbige Karte erhalten, die sie jeweils an einen Tisch weist. Idealerweise sind die Tischgesellschaften gemischt. Gemeinsam kommende Gruppen werden darum mit den farbigen Karten auf verschiedene Tische verteilt.

Stationenweg & Thesenwand

In Coswig gab es zur Einstimmung in das Themenfeld einen Stationenweg. In vier Ecken des Raumes waren Fragen aufgehängt, die von allen Teilnehmenden in spontanen Zweier- oder Dreiergruppen für ca. 5 Minuten diskutiert wurden. Dann ertönte ein Signal und alle bewegten sich im Uhrzeigersinn zur nächsten Station und damit zum nächsten Thema. Die Fragen betrachteten unterschiedliche Aspekte des Themas sind darauf ausgerichtet, nicht einfach mit Ja oder Nein beantwortet werden zu können. Damit versuchen sie, vorhandene Polarisierungen aufzulockern und zu einem ersten Austausch anzuregen (z.B.: Welchen Einfluss sollten wissenschaftliche Erkenntnisse auf die Politik haben? Wodurch wird Vertrauen in der Medizin erworben? Wofür bin ich bereit, Einschränkungen meiner persönlichen Freiheit zu akzeptieren?) Im Anschluss an den Stationenweg gab es die Gelegenheit, eine eigene These auf seine Thesenkarte zu schreiben und diese an einer Thesenwand anzuhängen. Dies gibt die Möglichkeit, die eigene Meinung auszudrücken und für andere sichtbar zu machen. Solches kann eine befreiende Wirkung haben, weil diese Position dann schon mal im Raum ist und fortan nicht immer zwingend neu noch mals artikuliert werden muss.

Fakten – Podium – Perspektiven

In einem zweiten Teil ging es zunächst um Information: Ein kurzer Vortrag von Christian Zöller, Vorstand des Versicherers im Raum der Kirchen (VRK) benannte Fakten zur Pandemie, wie sie sich aus Sicht der Versicherung dargestellt haben. Auf dem Podium berichteten dann Schlagersängerin Stefanie Hertel, die ehem. Justizministerin Katja Meier MdL, Rechtsanwalt Christoph Apitz und Rüdiger Schuch, Präsident der Diakonie Deutschland von ihren Erlebnissen während der Pandemie. Dabei war trotz z.T. kontroverser Positionen im Vorfeld auch dieses Podium bereits bewusst nicht als Streitgespräch konzipiert, sondern als Übung im gegenseitigen Zuhören. Jede/r berichtet von sich – möglichst persönlich – von den eigenen Erfahrungen in dieser außergewöhnlichen Zeit, von den Schwierigkeiten im wirtschaftlichen Überleben (Hertel) und den unübersichtlichen Entscheidungslagen (Meier). Ergänzende Perspektiven kamen nach dem Podium in kurzen Videobeiträgen noch zur Sprache (Long-Covid-Betroffene, Lehrer, ITS-Pfleger).

Ins Zuhören kommen

Solchermaßen vorbereitet geschah das Eigentliche an den Tischen: Menschen nehmen einander wahr, hören sich zu und lernen andere Perspektiven als die eigenen kennen. Dazu hatte jede/r 5 Minuten Zeit, die eigene Geschichte zu erzählen – ohne Unterbrechungen. Eine Sanduhr misst die Zeit. Reaktionen sollten bewusst unterbleiben. Jede Erzählung steht für sich. Anliegen ist es nicht, die möglicherweise einzig richtig gewesene Politik zu diskutieren, sondern zunächst die Grundlagen für ein qualifiziertes Gespräch wieder zu gewinnen: einander zuhören zu lernen. Die Erfahrung zeigt: Es tut richtig gut, ohne Druck erzählen zu können. Das ist selten geworden in einer 120-Zeichen Tweet-Kultur. Die Beiträge gewinnen an Tiefe und Reflexion, wenn man nicht sofort unterbrochen wird und sich verteidigen muss. Zum Abschluss konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Hoffnungskarten notieren, was ihnen Hoffnung macht, und was sie sich für den künftigen Umgang mit Krisen wünschen. Diese wurden auf einer „Hoffnungswand“ gesammelt.

Ausblick

Das Projekt der #VerständigungsOrte macht Mut. Es zeigt, dass es möglich ist, auch zu aufgeheizten Themen in einen Austausch zu kommen, der nicht von Polemik und Vorwürfen, sondern von Zuhören geprägt ist, das tieferes Nachdenken befördert. Es bleibt zu hoffen, dass dies künftig noch an vielen Orten wiederholt werden kann. Die Materialien werden demnächst bei midi verfügbar sein:

https://www.mi-di.de/verstaendigungsorte

Harald Lamprecht

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 2/2025 ab Seite 16