achtspitziges weißes Kreuz auf rotem Grund
Emblem Johanniterorden

Die Johanniter in Sachsen

Einblicke in die sächsische Genossenschaft des Ordens

Im Confessio-Themenheft 5 wurden diverse Ritterorden vorgestellt. Dabei konnte nicht besonders auf den Johanniterorden eingegangen werden, der sich von den anderen genannten u.a. darin unterscheidet, dass er eng mit der Evangelischen Kirche in Deutschland verbunden ist. Darum folgt hier ergänzend ein Beitrag von Pfr. Alexander Wieckowski, der den Orden in der sächsischen Landeskirche vertritt.

Name und historischer Hintergrund

Der ausführliche und korrekte Name der Sächsischen Genossenschaft lautet „Genossenschaft des Johanniterordens der Balley Brandenburg im Lande Sachsen e.V.“1 Die Sächsische Genossenschaft ist Teil der „Balley Brandenburg des Ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem, genannt Johanniterorden.“ Seit der Reformationszeit steht der Name Johanniterorden für den selbständigen Teil des historischen Gesamtordens, der sich dem evangelischen Bekenntnis zugewandt hat, während der römisch-katholisch gebliebene Teil des Ordens nach seinem späteren Ordenssitz Malta den Namen Malteserorden trägt. 

Die Anfänge des Johanniterordens reichen bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts zurück. Eine in Jerusalem tätige Spitalbruderschaft pflegte Kranke, unterstütze Arme und Obdachlose und betreute Pilger, die aus den christlichen Ländern Europas ins Heilige Land gereist waren, um dort die Orte des Wirkens Jesu Christi zu sehen. Um 1099 bildete sich unter Bruder Gerhard (†1120) eine Ordensgemeinschaft mit bestimmten Regeln heraus. Vom Ordensgründer stammt der Ordensleitspruch: „Unsere Bruderschaft wird unvergänglich sein, weil der Boden, in dem diese Pflanze wurzelt, das Elend der Welt ist und weil, so Gott will, es immer Menschen geben wird, die daran arbeiten wollen, dieses Leid geringer, dieses Elend erträglicher zu machen.“ Der Name „Johanniter“ leitet sich vom Patronat der Kirche ab, die mit dem Hospital in Jerusalem verbunden war. Ob diese Hospitalkirche ursprünglich Johannes dem Täufer oder Johannes dem Almosengeber geweiht war, ist nicht mehr feststellbar. In der Tradition hat sich Johannes der Täufer als Vorbild und Ordenspatron durchgesetzt. Die päpstliche Bestätigung des Ordens erfolgte schließlich 1113. Bis zum Jahre 1154 kam es zu einer Umformung des Hospitalordens in einen Ritterorden. Neben dem diakonischen Auftrag traten verstärkt militärische Aufgaben hinzu. Die Ritterbrüder beteiligten sich an der Verteidigung des Heiligen Landes und an den Feldzügen gegen die Muslime.

Durch zahlreiche Schenkungen und Stiftungen erhielt der Orden umfangreichen Besitz auch in Europa. Eine Verwaltungsstruktur wurde aufgebaut. Im Heiligen Römischen Reich befanden sich die Großpriorate Deutschland und Böhmen. Die nordostdeutschen Kommenden waren in der Balley Brandenburg zusammengefasst, die im Vertrag von Heimbach 1382 eine größere Unabhängigkeit vom Orden, der in dieser Zeit auf Rhodos residierte, erhielt. Die Balley durfte von nun an ihren Herrenmeister selbst wählen. Diese Selbständigkeit ging mit einer engen Verbindung zu den Kurfürsten von Brandenburg einher. Nachdem der Kurfürst 1538 zum lutherischen Glauben übergetreten war, folgte ihm die Balley 1561, ohne damit die organisatorische Verbindung zum weiterhin römisch- katholischen Großpriorat Deutschland (Sitz in Heitersheim) und folglich auch nach Malta aufzugeben. Sie verblieb als autonomes evangelisches Ordensglied im katholischen Gesamtorden bis Anfang des 19. Jahrhunderts. Infolge der Napoleonischen Kriege säkularisierte 1810/11 König Friedrich Wilhelm III. von Preußen alle geistlichen Güter, auch die des Johanniterordens. Die Balley Brandenburg wurde aufgelöst und alle über Jahrhunderte zusammengetragenen Vermögenswerte fielen ersatzlos an den preußischen Staat. Zwischen 1811 und 1852 gab es lediglich einen zur Erinnerung an den Orden gestifteten Verdienstorden, den Königlich Preußischen St. Johanniter-Orden. 

1852/53 reaktivierte König Friedrich Wilhelm IV. den Orden unter Berufung auf den ursprünglichen Ordensauftrag, aber ohne Restituierung des alten Besitzes. Die acht noch lebenden Ritter aus der alten Balley bildeten nun als Rechtsritter das Ordenskapitel und wählten den neuen Herrenmeister. Die Inhaber des St. Johanniter-Verdienstordens wurden als Ehrenritter übernommen. Bis 1948 war der Laienorden ausschließlich dem evangelischen Adel vorbehalten, seitdem werden auch Bürgerliche aufgenommen. 

Der Johanniterorden versteht sich als eine Gemeinschaft evangelischer Christen, die sich bewusst zu ihrem Glauben bekennen und daraus den Willen und die Kraft schöpfen, diakonische Aufgaben wahrzunehmen. 

Geschichte in Sachsen

Die Sächsische Genossenschaft des Johanniterordens gibt es offiziell seit 1860. Die regionale Wirksamkeit begann mit der Bereitstellung von drei Freibetten in der Dresdener Diakonissenanstalt. Damit war der wichtige Anfang der Werktätigkeit in der Krankenpflege für die Genossenschaft gesetzt. 1864 reichten die finanziellen Mittel schon für ein eigenes Johanniter-Zimmer. 1868 kaufte man bereits ein kleines Johanniter-Haus in der Nachbarschaft der Diakonissenanstalt und übergab es mitsamt den dortigen Freibetten den Diakonissen zur Verwaltung. 

Die Geschichte des Johanniterordens in Sachsen ist eng mit der Geschichte der von ihm geführten Krankenhäuser verbunden. Der gleich auf dem ersten statutengemäßen Rittertag am 2. Januar 1861 errichtete Krankenhausfond diente diesem diakonischen Ordensauftrag. Ein erstes eigenes Krankenhaus wurde am 31. Mai 1880 in Riesa mit zunächst 16 Betten errichtet und von zwei, später drei Diakonissen betreut. Weil es bald zu klein geworden war und den hygienischen Anforderungen nicht mehr genügte, beschloss der Orden im Jahre 1900 einen Neubau. Für die nächsten reichlich 100 Jahre stand das Heidenauer Krankenhaus im Mittelpunkt der diakonischen Tätigkeit der Sächsischen Genossenschaft. 

Ein weiteres Betätigungsfeld für die Johanniter waren die Lazarettdienste. Während des Ersten Weltkrieges errichtete die Genossenschaft Lazarette in Heidenau, Waldenburg und auf Schloss Rammenau und im Zweiten Weltkrieg ein Reservelazarett in Heidenau. Nach der sukzessiven Beschränkung der Ordenstätigkeit unter den Nationalsozialisten und der Enteignung durch die Regierung der DDR im Jahre 1948 wurde die Sächsische Genossenschaft als Flüchtlingsgenossenschaft in der Bundesrepublik Deutschland weitergeführt, wobei man immer versuchte, den Kontakt mit der sächsischen Heimat zu halten. 

1990 kehrte der Orden nach Sachsen zurück. Am 1. Oktober 1991 wurde die Rückübertragung des Krankenhauses vollzogen, das in ein modernes Seniorenheim umgewandelt wurde. Das nach der Friedlichen Revolution neu entstandene Ordensleben findet in den regionalen Untergliederungen, den sogenannten Subkommenden, statt. 1993 wurden in Dresden und in Leipzig Subkommenden gegründet, die man aufgrund ihrer Zunahme 2003 bzw. 2004 jeweils aufteilte. Es folgten 2005 mit Chemnitz und 2009 in der Oberlausitz weitere Subkommenden.

Die praktische Hilfstätigkeit findet dabei in den einzelnen Ordenswerken statt. Diese sind die Johanniter-Hilfsgemeinschaften, die Jugendarbeit im Orden, die Senioreneinrichtungen des Ordens und die Johanniter-Unfallhilfe. Gerade letztere wird in der Öffentlichkeit am meisten wahrgenommen. Noch vor der Wiedervereinigung Deutschlands wurde der Leipziger Kreisverband der JUH am 19. März 1990 gegründet. Der Landesverband Sachsen entstand im Oktober 1990.

Profil

Johanniter sind evangelische Christen, die sich ihrem Herren Jesus Christus verpflichtet wissen und den Ordensauftrag gewissenhaft erfüllen. Dieser Ordensauftrag besteht im Doppelgebot der Bezeugung des Glaubens und des Einsatzes für den Nächsten. Als gemeinsames Erkennungszeichen der Johanniterfamilie dient das achtspitzige Kreuz, das auf die acht Seligpreisungen Jesu hinweist. Jeder Ritterbruder trägt es als Nadel am Revers der Alltagskleidung und am schwarzen Ordensmantel, der liturgischen Tracht des Ordens.

In seiner persönlichen Lebensgestaltung soll sich der Johanniter an der Ordensregel orientieren, die das Ordenskapitel 1964 in Nieder-Weisel beschlossen hat. Für das johanniterliche Leben in Sachsen erarbeitete der Konvent der Genossenschaft ein Leitbild. Für das letztmalig 2016 geprüfte Leitbild zeichnete Hans-Peter v. Kirchbach als Regierender Kommendator der sächsischen Johanniter verantwortlich. 

Struktur

Bis 2001 war die Sächsische Genossenschaft ein Verein mit altrechtlicher Satzung und Sitz in Bonn. Seit der Sitzverlegung nach Dresden gilt die Genossenschaft als eingetragener Verein. Die dazu vom Rittertag der Genossenschaft am 6. Oktober 2001 in Leipzig beschlossene Satzung wurde vom Ordenskapitel am 9. November 2002 genehmigt.

Geleitet wird die Genossenschaft von einem Regierenden Kommendator, der zugleich ständiges Mitglied des Ordenskapitels ist und die Verbindung zur Ordensregierung hält. Seit 2014 war Hans-Peter v. Kirchbach Regierender Kommendator, ihm folgte 2020 Bernd v. Bieler. Dem Kommendator steht der Konvent zur Seite, der aus den Alt- und Ehrenkommendatoren, dem Personalbeauftragten, Richter, Schatzmeister, Werkmeister, Schriftführer und weiteren Rittern mit speziellen Aufgaben der Genossenschaft besteht. Als Mitgliederversammlung dient der jährlich stattfindende Rittertag. Mitglieder sind die Ritterbrüder, die sich aufteilen in Anwärter, Ehrenritter und Rechtsritter. Um eine Aufnahme kann man sich nicht bewerben. Der Orden bietet von sich aus Männern, die sich zum evangelischen Glauben bekennen, zum diakonischen Dienst bereit sind und ihre Lebensführung von ritterlicher Gesinnung bestimmen lassen, die Aufnahme als Ehrenritter an. Dieses geschieht im Gottesdienst zum sächsischen Rittertag. Nach besonderer Bewährung folgt mit Ablegung des Rechtsrittergelübdes die Ernennung zum Rechtsritter, die mit dem Ritterschlag durch den Herrenmeister in der Ordenskirche von Nieder-Weisel beim Gottesdienst um den Johannistag vollzogen wird. Zum 1.1.2022 gibt es in der Sächsischen Genossenschaft 113 Ehrenritter, 82 Rechtsritter und fünf Kommendatoren. Für Damen ist eine Aufnahme derzeit nicht möglich. Doch ihr Einsatz und Dienst ist der Genossenschaft ganz wichtig und so gibt es verschiedene andere Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung.

Ein eigenes Ordenswerk ist die 1886 gegründete Johanniter-Schwesternschaft, in der sich Damen in der Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung engagieren.

Die Sächsische Genossenschaft ist eingebunden in die Gesamtstruktur des Johanniterordens. Zu ihm zählen derzeit 4.038 Ritterbrüder (Stand: 1.1.2022). An der Spitze des Ordens steht der Herrenmeister, seit 1693 ein Mitglied des Hauses Preußen. Dieses Amt übernahm 1999 S.K.H. Dr. Oskar Prinz v. Preußen als sechster Herrenmeister seit der Wiedererrichtung des Ordens 1852.

Gemeinsames Leben

Das Ordensleben geschieht vor allem in den Subkommenden. Alle in Sachsen lebenden Ritter sind einer der sechs Subkommenden zugeordnet, die von einem Subkommendeleiter geführt werden. Durch die Subkommenden können Anwärter oder interessierte Personen Zugang zur Arbeit im Orden finden und für ihn gewonnen werden.

Jedes Jahr im Frühjahr lädt die Genossenschaft zum Einkehrwochenende in die Heimvolkshochschule nach Kohren-Sahlis. Auf dem Plan stehen Andachten, Bibelarbeiten sowie Gemeinschaft und Geselligkeit für Ritterbrüder und ihre Familien.

Ein wichtiges Datum für jeden Johanniter ist der jährlich an einem Septemberwochenende stattfindende Rittertag. Dieser widmet sich jeweils einem speziellen Thema, zu dem Referenten eingeladen werden. In der obligatorischen Ritterversammlung werden der Geschäftsbericht und der Jahresabschluss entgegengenommen und genehmigt. Zudem stellen sich die neuen Ehrenritterkandidaten vor. Ein eigenes Kinder-, Jugend- und Damenprogramm rundet das Treffen ab. Höhepunkt ist der Festgottesdienst, der mit der Ortsgemeinde gefeiert wird. In diesem findet das Ordenszeremoniell mit dem Gedenken an die Verstorbenen, der Aufnahme der neuen Ehrenritter, dem Verleihen der Ehrenritterkreuze und den Auszeichnungen an verdiente Damen im Orden, statt.

Seit 1999 erscheint bis zu dreimal jährlich die Ausgabe des JiS, die von einem Ritterbruder redaktionell geleitet wird. In den broschierten Heften erscheinen wichtige Vorträge, Predigten und Reden, die in den Subkommenden und auf dem Rittertag gehalten worden sind. Außerdem wird über das Leben in der Genossenschaft und in ihren Ordenswerken sowie über die aktuellen Personalia ausführlich berichtet.

Netzwerk

Die Ritterbrüder und ihre Familien sind Teil der jeweiligen Ortskirchgemeinden, in die sie sich nach Zeit und Kraft einbringen. Die einzelnen Johanniter-Einrichtungen stehen im regelmäßigen Kontakt zu den Ortspfarrern sowie Kirchgemeinden und freuen sich über Andachten, Gottesdienste und gemeinsame Aktivitäten. Der Johanniterorden ist gemäß dem Schutzbrief des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 2. Mai 1947 Bestandteil der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der Beauftragte des Rates der EKD für den Kontakt zum Johanniterorden ist seit 2010 der Kirchenhistoriker und derzeitige Ordensdekan Prof. Dr. Dr. h.c. Christoph Markschies. Ebenso ist der Orden Mitglied des Diakonischen Werks der EKD.

Ökumenische Beziehungen bestehen zu den anerkannten geistlichen Ritterorden, zum einen dem Orden der Brüder vom Deutschen Hospital Sankt Mariens in Jerusalem, genannt Deutscher Orden (gegr. 1190), und zum anderen dem Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem (gegr. 1868). Kleine Delegationen nehmen an den Rittertagsgottesdiensten teil.

Alexander Wieckowski

Pfarrer Alexander Wieckowski, 2007-2017 Pfarrer in Großhennersdorf-Rennersdorf und Ruppersdorf, seit 2017 in Wurzen, seit 2022 Domherr zu Wurzen, seit 2007 Mitglied des Johanniterordens (2007 Ehrenritter, 2017 Rechtsritter), 2010-2022 Leiter der Subkommende Oberlausitz und zwischen 2014-2019 und seit 2021 Konventsmitglied.


1 Dieser Beitrag ist in einer ausführlicheren Form erstmals erschienen in: Geistliche Gemeinschaften in Sachsen: evangelische Kommunitäten, Gemeinschaften und Netzwerke stellen sich vor/ hrsg. von Johannes Berthold und Markus Schmidt. Völlig überarb. und erw. Neuausgabe Norderstedt 2020, S. 187-203.

Pfr. Alexander Wieckowski

Pfarrer Alexander Wieckowski, 2007-2017 Pfarrer in Großhennersdorf-Rennersdorf und Ruppersdorf, seit 2017 in Wurzen, seit 2022 Domherr zu Wurzen, seit 2007 Mitglied des Johanniterordens (2007 Ehrenritter, 2017 Rechtsritter), 2010-2022 Leiter der Subkommende Oberlausitz und zwischen 2014-2019 und seit 2021 Konventsmitglied.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 1/2023 ab Seite 14