Universelles Leben - Basisinfo

von Michael Fragner und Alfred Singer

Gründerin

An der Spitze der Glaubensgemeinschaft „Universelles Leben“ steht nach wie vor unangefochten die Würzburger „Prophetin“ Gabriele Wittek (geb. 1933). Als 1970 ihre Mutter verstarb, glaubte Frau Wittek Stimmen aus anderen Welten zu hören. Seit 1975 versteht sie sich als „Sprachrohr Gottes“, als „Posaune Gottes in dieser Zeit“, als „das größte Gottesinstrument nach Jesus von Nazareth“. Gabriele Wittek behauptet, durch ihre Offenbarungen würde Christus frühere Offenbarungen und damit auch die Bibel (!) „erklären, berichtigen und vertiefen“.

Entstehung und Geschichte

Bereits 1975 entstanden in Würzburg und Nürnberg Ortsgruppen von Wittek-Anhängern (sog. „Christuszellen“), die wöchentlich zusammenkamen, um die auf Tonband aufgezeichneten „Offenbarungen“ anzuhören. 1977 schlossen sich die bestehenden Zellen unter dem Namen „Heimholungswerk Jesu Christi“ (HHW) zusammen und verbreiteten ihr Gedankengut fortan auch schriftlich. Der Beginn der 80er Jahre war von reger Werbetätigkeit und damit einhergehender Ausbreitung des HHW im In- und Ausland geprägt.

In diesen Jahren wurde die Ideologie des HHW mit verschiedenen esoterischen Elementen bis hin zum UFO-Spiritismus angereichert. Trotz zahlreicher nichtchristlicher Inhalte verstanden sich die im HHW zusammengeschlossenen Anhänger Witteks nunmehr als „Urchristen der Bergpredigt“. Die gottesdienstlichen Versammlungen wurden in „Innere Geist = Christus-Kirche“ umbenannt.

1984 erfolgte die (angeblich von „Christus“ geforderte) Umbenennung des HHW in „Universelles Leben“ (UL). Damit begann auch die Kommerzialisierung der nach wie vor rechtlich nicht verfassten Gruppierung. In Würzburg und Umgebung entstanden zahlreiche sog. „Christusbetriebe“. Mit ökologischen Agrarprodukten kontrollieren dem UL nahe stehende Firmen („Gut zum Leben“; „Lebe Gesund“, „Hin zur Natur“) inzwischen ein erhebliches Marktsegment für Ökoprodukte in Süddeutschland. Auf medizinischem Gebiet ist man u.a. seit 1986 durch eine „Christusklinik“ in Marktheidenfeld bei Würzburg tätig. Hier befindet sich seit 1991 außerdem ein Gewerbezentrum mit einer Vielzahl weiterer, zum Umfeld des UL zählender Betriebe der verschiedensten Sparten.

Parallel dazu wurden mit Kindergärten und -horten sowie einer 1991 gegründeten „Christusschule“ pädagogische Einrichtungen ins Leben gerufen, in denen auch die UL-Ideologie vermittelt wird. In Marktheidenfeld und Hettstadt bei Würzburg siedelten sich gegen Ende der 80er Jahre UL-Anhänger in größerer Zahl an, zum Teil gegen den erbitterten Widerstand der Bevölkerung.

Ziel der vielfältigen Aktivitäten ist die Vorbereitung auf ein „Friedensreich“, in dem der 1988 ins Leben gerufenen „Bundgemeinde Neues Jerusalem“ eine Vorreiterrolle zukommen sollte. Bei der „Bundgemeinde“ handelte es sich um einen inneren Kreis von etwa 700 Anhängern des UL, die auf der Basis einer „offenbarten“ Gemeindeordnung in Wohngemeinschaften zusammenleben.

Ende der 90er Jahre wurde die „Innere Geist = Christus-Kirche“ in „Treffen aller Gottsucher / Kosmische Lebensschule“ umbenannt. Der „Christusstaat“ als offizielles Presseorgan der „Bundgemeinde“ wurde durch die Zeitung „Das Weiße Pferd“ ersetzt (ab 2001 „Das Friedensreich“).

Lehre und Praxis

Wesentlicher Bestandteil der UL-Lehre ist ein mit der Vorstellung von Reinkarnation und Karma verbundenes schlichtes Entsprechungsdenken, das jeglichen Zufall ausschließt. Im Zentrum steht der Gedanke einer göttlichen „Buchhaltung“, in der alles menschliche Handeln minutiös aufgezeichnet wird, um (in einem späteren Leben) präzise vergolten zu werden. Nach dem „Gesetz von Ursache und Wirkung“ sind Krankheiten, Schicksalsschläge und Naturkatastrophen ausnahmslos das Resultat von früherem menschlichen Fehlverhalten der Betroffenen.

Durch eine „Umprogrammierung der Gehirnzellen“ im Sinne einer „Reinigung von allen Prägungen dieser Welt“ soll ein von Leid und Schmerz gänzlich unbelastetes Leben möglich sein. Traditionelle Institutionen wie Ehe und Familie werden abgewertet oder – wie Staat, Kirche und Gesellschaft – abgelehnt bzw. bekämpft, soweit sie sich nicht den Vorstellungen des UL fügen.

Um durch ein reines Leben im Diesseits nach möglichst wenigen Wiedergeburten in die ursprüngliche Einheit mit Gott zurückzukehren, ist neben dem Aufgeben der individuellen Persönlichkeit vor allem die uneingeschränkte Verinnerlichung der Wittek-Lehre nötig. Dazu bietet das UL Kurse an: Über einen siebenstufigen „Inneren Weg“ soll das Bewusstsein geläutert und der Mensch vom „Gesetz von Ursache und Wirkung“ befreit werden. Vegetarische Ernährung sowie der Verzicht auf persönliche Bindungen und materielles Vermögen zugunsten des UL-„Gemeinwohls“ sind weitere wesentliche Elemente eines Lebens im Sinne Gabriele Witteks.

Aufgrund der menschlichen Kollektivschuld rechnet das UL schließlich mit dem baldigen Eintreffen endzeitlicher Katastrophen. Dadurch soll die Welt endgültig vom Bösen gereinigt werden. Anschließend soll ein 1000-jähriges Friedensreich entstehen, verbunden mit der Wiederkunft Christi im Geiste.

Neuere Entwicklungen

In jüngster Zeit wurden verschiedene Aktionen ins Leben gerufen, die dem UL und seiner Ideologie nahe stehen, jedoch als solche nur schwer zu erkennen sind. Das gilt z.B. für die „Initiative Mahnmal für die Millionen Opfer der Kirche“, die seit 1999 ein Denkmal für „Kirchengeschädigte“ errichten will, und sich durch hasserfüllte antikirchliche Propaganda hervortut. Ein anderes Beispiel ist eine Initiative für die „Abschaffung der Jagd“, die auch mit anderen Tierschutzorganisationen zusammen aktiv ist.

Das Jahr 2000 endete mit einer Generalabrechnung der „Prophetin“ mit ihren Anhängern („Das Friedensreich“ 12/2000): Die meisten Glieder der „Bundgemeinde“ hätten versagt; deshalb solle das „Friedensreich“ nunmehr mit nur „einigen wenigen“ Menschen entstehen. Damit fällt die „Bundgemeinde“ als einstmalige Elite faktisch der Bedeutungslosigkeit anheim; sie wird zunehmend durch einen engeren Kreis besonderer UL-Anhänger ersetzt.

Durch eine Ende 2000 gegründete „Gabriele-Stiftung“ soll „die Vollendung“ des Werkes Christi als „Werk der Nächstenliebe an Natur und Tieren“ geschehen. Die Stiftung ist derzeit bestrebt, nordwestlich von Würzburg umfangreiche Ländereien aufzukaufen, um so das „Friedensreich“ als ein von allem Negativen unbeeinflusstes Idyll entstehen zu lassen. Dabei nutzt man vor allem materielle Lockmittel, um dieses Projekt auch gegen vorhanden Widerstände voranzutreiben.

Nach Einschätzung von Insidern hat das UL derzeit weltweit weniger als 10.000 Anhänger.

Beurteilung

Das UL ist eine in ihrer Konfliktträchtigkeit meist unterschätzte Gruppierung. Frau Wittek selbst versteht sich als das „absolute Gesetz“ nicht nur für ihre Anhänger, sondern für die ganze Welt. Dieser Anspruch lässt zum Teil keinen Raum für die vom UL stets behauptete Freiheit der Anhängerschaft. Die Angst vor negativen Folgen von (vermeintlichem) Fehlverhalten führt zu erheblichem Konformitätsdruck. Aussteiger sprachen von einem „Klima der Angst und des Terrors“ in der „Bundgemeinde“.

Hat sich das UL von der weitgehend als „dämonisch“ verstandenen Außenwelt großenteils abgeschottet, so führt der totalitäre Anspruch der Gemeinschaft dazu, dass jede von außen kommende Kritik heftig bekämpft wird. So wurde auf missliebige Institutionen und Einzelpersonen – im Widerspruch zur angeblich praktizierten christlichen Nächstenliebe – mit Schmähschriften, Drohungen und Prozessen wiederholt Druck ausgeübt.

Die christlichen Versatzstücke im Glaubenssystem des UL sind durchweg in ihrem ursprünglichen Charakter entstellt und reine Fassade. Faktisch steht Gabriele Wittek im UL an der Stelle Jesu Christi. Sie gilt als „Prophetin Gottes in der mächtigen Zeitenwende“, als „Lehrprophetin und Botschafterin Gottes“, als „hohes Geistwesen im Erdenkleid“, als „Stamm-Mutter des Friedensreiches Jesu Christi“. Ihren oft willkürlich anmutenden Entscheidungen wird letzte Gültigkeit in allen Glaubens- und Lebensfragen beigemessen. Die Ideologie des UL ist mit einem an der Bibel orientierten Christentum unvereinbar.

Das UL spricht vor allem idealistisch eingestellte und nach authentischem Christentum suchende Menschen an. Durch Schriften, Vorträge, Seminare, Rundfunksendungen und Heilungsveranstaltungen versucht man diese bei ihren Lebens- und Glaubensfragen „abzuholen“ und für das UL zu gewinnen. Die große Mehrheit der Anhänger verlässt das UL jedoch früher oder später wieder, oft allerdings erst nach Jahren der Zugehörigkeit. So mancher, der erwartungsgemäß auch in finanzieller Hinsicht das „Gemeinwohl“ des UL vor sein Eigenwohl gestellt hat, stand schließlich vor seinem wirtschaftlichen Ruin. Im Einzelfall muss auch mit der Gefahr schwerer psychischer Schäden gerechnet werden.

Kritische Literatur

¬ W. Behnk, Abschied vom „Urchristentum“? Gabriele Witteks „Universelles Leben“ zwischen Verfolgungswahn und Institutionalisierung, München 1994.
¬ H.-W. Jungen, Universelles Leben. Die Prophetin der Endzeit und ihr Management. Die Praktiken der Sektenführerin Gabriele Wittek, München 1998.
¬ W. Mirbach, „Universelles Leben“. Die einzig wahren Christen? Eine Neureligion zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Freiburg 1996.
¬ Artikel: Universelles Leben (UL), in: Handbuch religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, Gütersloh 52000, 476-500.
¬ Matthias Pöhlmann, Universelles Leben, in: Panorama der neuen Religiosität, hg. v. R. Hempelmann u. a. im Auftrag der EZW, Gütersloh 2001, 567-573.

¬ Kritische Informationen im Internet: www.michelrieth.de

Michael Fragner / Alfred Singer
im März 2002


Dieser Text ist als EZW-Kompakt-Info auf einem Faltblatt bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin erhältlich.

Artikel-URL: https://confessio.de/index.php/artikel/33