Fronttransparent der FFF-Demo „Klimagerechtigkeit“ in Dresden vor der Hofkirche

Laudate Deum

Apostolisches Schreiben von Papst Franziskus zur Klimakrise

Acht Jahre sind seit der Veröffentlichung der Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus vergangen. Darin hatte er sich intensiv auch mit Fragen der Umweltverantwortung und der globalen Gerechtigkeit auseinandergesetzt. Nun sieht er sich genötigt, mit einem Apostolischen Schreiben „an alle Menschen guten Willens“ erneut auf die drängenden Probleme der Klimakrise hinzweisen. Der Text ist in 8 Sprachen veröffentlicht – einschließlich arabisch. Äußerer Anlass ist die Weltklimakonferenz in Dubai. Dabei ist es offensichtlich seine Intention, soweit es ihm möglich ist die Weltgemeinschaft zu mehr entschlossenem Handeln zu bewegen.

Strukturelle Sünde

Die Wortwahl des Schreibens ist wesentlich direkter und aufrüttelnder als in Laudato si - weil seitdem viel zu wenig passiert ist. Er beklagt, dass „wir nicht genügend reagieren, während die Welt, die uns umgibt, zerbröckelt.“ Der Papst sieht „ein globales soziales Problem“, denn „die Auswirkungen des Klimawandels gehen zu Lasten der am meisten gefährdeten Menschen, sei es im eigenen Land oder auf der ganzen Welt“. Zur theologischen Dimension zitiert er die afrikanischen Bischöfe, dass die Klimakrise „ein schockierendes Beispiel für eine strukturelle Sünde“ zeige (Abs. 3).

Klimakrisenleugner

Kapitel 1 ist eine Widerlegung diverser Argumente derjenigen, die die Klimakrise leugnen oder in ihrer Bedeutung herunterspielen. Insofern ist das Schreiben wenig theologisch und in weiten Teilen auch gar nicht spezifisch christlich. Dieses Kapitel könnte auch auf einer klassischen Faktenchecker-Webseite zur Klimakrise stehen. Hier werden die wissenschaftlichen Tatsachen jetzt mit päpstlicher Autorität den Katholiken weltweit als Argumentationshilfe anempfohlen. Möglicherweise dient dies späteren Generationen als ein interessantes Beispiel der Verbindung von Glaube und Wissenschaft. 

Technokratisches Paradigma

Franziskus sinnt über das wachsende technokratische Paradigma nach, das „dem derzeitigen Prozess der Umweltzerstörung zugrunde liegt“ und mahnt an, den Umgang mit der Macht grundlegend zu überdenken. Die Umwelt solle nicht als Ressource für Ausbeutung, sondern der Mensch als Teil der Natur betrachtet werden (26). Die Auswirkungen eines Wirtschaftens nach der „Logik des maximalen Profits zu den niedrigsten Kosten“ sind katastophal. Sie werden aber marketingtechnisch verschleiert, indem die ärgsten Spitzen durch lediglich kurzfristig wirksame Entschädigungen abgefedert werden. Echte Chancengleichheit ist mit dem Leistungsparadigma nicht verbunden (29-32). 

Verbesserte Weltorganisation

Ansätze zur Beseitigung der Schwäche der internationalen Politik sind das Thema von Kapitel 3. Dabei plädiert Franziskus für eine Intensivierung der multilateralen Abkommen zwischen den Staaten. Dieser Multilateralismus sei nicht „mit einer Weltautorität zu verwechseln, die in einer Person oder einer Elite mit übermäßiger Macht konzentriert“. Seine Vision beschreibt keine personale Autorität, sondern eine Struktur „die sich dem Recht unterordnet“. Diese müsse allerdings „mit echter Autorität ausgestattet sein“, um die Erfüllung dieser Ziele zu gewährleisten. „Dies würde zu einem Multilateralismus führen, der nicht von wechselnden politischen Umständen oder den Interessen einiger weniger abhängt und der eine stabile Wirksamkeit hat“ (35).

Daneben hofft Franziskus auf einen neuen Multilateralismus „von unten“, „der nicht einfach von den Machteliten beschlossen wurde“, sondern von engagierten Personen aus den unterschiedlichsten Ländern, die sich gegenseitig helfen und begleiten und gemeinsam Druck auf die Machtverhältnisse ausüben (38). Ermutigt wird er durch die Beobachtung, dass in der postmodernen Kultur „eine neue Sensibilität gegenüber den Schwächeren“ entstanden ist (39).

Die Welt brauche nicht weniger als einen neuen Rahmen für effektive Zusammenarbeit, der nicht nur nach „Machtgleichgewichten“ schaut, sondern „neue Herausforderungen“ in den Blick nimmt. Dazu zählen insbesondere „die Achtung der elementaren Menschenrechte, der sozialen Rechte und der Sorge um das gemeinsame Haus“. Es geht darum, „universale und effiziente Regeln aufzustellen, die diesen weltweiten Schutz gewährleisten.“ (42) Er skizziert „eine Art größere „Demokratisierung“ auf Weltebene“ und erklärt: „Es wird nicht mehr hilfreich sein, Institutionen aufrechtzuerhalten, die die Rechte der Stärksten wahren, ohne sich um die Rechte aller zu kümmern.“ (43)

Weltklimakonferenzen

Mit den bisherigen Ergebnissen der Weltklimakonferenzen und dem Ausblick auf die COP28 in Dubai befassen sich Kapitel 4 und 5 des päpstlichen Schreibens. 

Das Pariser Abkommen von 2015 war ein Meilenstein in seinen wegweisenden Beschlüssen. Es fehlten ihm aber Mittel zur Durchsetzung, weil keine geeigneten Mechanismen zur Kontrolle, zur periodischen Überprüfung und zur Bestrafung der Zuwiderhandlungen eingerichtet wurden. Im Blick auf die anstehende Konferenz schreibt daher Franziskus: „Wir müssen diese Logik überwinden, dass wir einerseits ein Problembewusstsein an den Tag legen und gleichzeitig nicht den Mut haben, wesentliche Veränderungen herbeizuführen.“ (56) So hofft er auf Vereinbarungen zur Energiewende, die drei Merkmale aufweisen sollten: „dass sie effizient sind, dass sie verpflichtend sind und dass sie leicht überwacht werden können“ (59). 

Beachtenswert sind die päpstlichen Worte im Blick auf die Umweltgruppen wie Fridays For Future oder die „Letzte Generation“: „Hören wir endlich auf mit dem unverantwortlichen Spott, der dieses Thema als etwas bloß Ökologisches, ‚Grünes‘, Romantisches darstellt, das oft von wirtschaftlichen Interessen ins Lächerliche gezogen wird. Geben wir endlich zu, dass es sich um ein in vielerlei Hinsicht menschliches und soziales Problem handelt. Deshalb bedarf es einer Beteiligung von allen. Auf Klimakonferenzen ziehen die Aktionen von sogenannten ‚radikalisierten‘ Gruppen oft die Aufmerksamkeit auf sich. In Wirklichkeit füllen sie jedoch eine Lücke in der Gesellschaft als Ganzer, die einen gesunden ‚Druck‘ ausüben müsste, denn es liegt an jeder Familie, zu bedenken, dass die Zukunft ihrer Kinder auf dem Spiel steht.“

Theologie am Schluss

Erst am Schluss wird die Argumentation wieder explizit theologisch: „‚Lobt Gott‘ ist der Name dieses Schreibens. Denn ein Mensch, der sich anmaßt, sich an die Stelle Gottes zu setzen, wird zur schlimmsten Gefahr für sich selbst.“ 

Konfessionelle Spezifika enthält das Schreiben in keiner Weise und ist daher auch von evangelischer Seite wohlmeinend zu bedenken. In der kirchlichen wie außerkirchlichen Medienarbeit hat dieses Schreiben bislang nicht die Resonanz gefunden, die ihm angesichts der globalen Dringlichkeit der behandelten Themen zukommen müsste. 

Harald Lamprecht

 

 

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 3/2023 ab Seite 20