Pro und Contra Zauberlehrling

Zum aktuellen Streit um die Verträglichkeit von Harry Potter für Christen (12/2000)
Unsere Zeit scheint anfällig für "Leitkulturen" verschiedener Art. Als in den vergangenen Monaten unzählige Pokémon begannen, die Kinderzimmer und Schulhöfe vieler Länder zu bevölkern, staunten viele über den ungewöhnlichen Erfolg der kleinen Taschenungeheuer.

Nun kann man aber innerhalb weniger Monate einen zweiten Sturm der Begeisterung mit ähnlich allgegenwärtigen Begegnungen und einem umfangreichen Merchandising erleben. Diese zweite Begeisterungswelle gilt - völlig ungewöhnlich in heutiger Zeit - keinem Film, keinem Computerspiel, sondern einem Buch: Harry Potter. Die Zustände in England vor Veröffentlichung des letzten Bandes wurden mit der Beatles-Manie verglichen. Wie gelingt es einem Buch, Kinder und Jugendliche (auch Erwachsene wurden Potter-lesend angetroffen) gleichermaßen hinter dem Fernseher/Monitor wegzulocken und wieder zum Lesen zu animieren?

Erfolgsgründe

Dies zu ergründen ist vielleicht eine Aufgabe für Literaturwissenschaftler oder Trendforscher. Dennoch seien einige Aspekte angemerkt, auch wenn sie vielleicht nicht alles erklären:

  1. Die Bücher sind offensichtlich "handwerklich" gut geschrieben: spannend und abwechslungsreich, geben aber zugleich viele Möglichkeiten der Identifikation mit den handelnden Figuren. Es scheint der Autorin zu gelingen, Fragen, Probleme, Situationen und Nöte von Kindern und Jugendlichen in einer Story zu verpakken, die "ankommt" und akzeptiert wird. Die Geschichte ist und bleibt zwar nur eine Geschichte, aber sie hat doch etwas mit dem eigenen Leben zu tun.
  2. Der Trend hat mittlerweile eine Form angenommen, die ihm selbst die Dynamik verleiht. Harry Potter ist fast überall präsent, er ist Gesprächsstoff in weiten Teilen nicht nur der englischen Nation - man muss ihn einfach kennen, will man nicht zum Außenseiter werden. Er ist auch eine Art "Leitkultur" geworden.
  3. (Und dies ist der strittige Punkt:) Der Inhalt, d. h. die Geisteswelt, in der die Handlung spielt, ist durchsetzt von Magie und Mystik, Zauberei und übersinnlichen Kräften. Darin entspricht er in starkem Maß einer aktuellen Strömung der Zeit. Das Zeitalter des Rationalismus in Europa scheint vorbei. Der Glaube an mysteriöse Wirkungen jenseits rationaler Zusammenhänge, an die Möglichkeit magischer Beeinflussung der Lebensumstände und der Wunsch nach den Möglichkeiten dazu sind weit verbreitet. Die rasante Zunahme der Akzeptanz von Angeboten aus dem Umfeld der Esoterik ist dafür ein Indiz. In diesen Kontext einer Renaissance magischer Vorstellungen nach einer aufgeklärt-rationalistischen "Dürreperiode" gehört Harry Potter.

Reaktionen

Wie sollte man sich als Christ dazu verhalten? Verschiedene Wege werden derzeit propagiert und beschritten.

Auf der einen Seite steht eine allgemeine biblisch begründete Kritik an jeglichem "Okkultismus", die in übersinnlichen Kräften ein Werk dämonischer und gottfeindlicher Mächte erblickt. Nicht selten resultiert aus einer solchen Sicht die völlige Ablehnung, der damit assoziierten Produkte, wie z. B. in einer evangelischen Kirchengemeinde auf der Schwäbischen Alb, wo "Harry Potter und der Stein der Weisen" nicht mehr verliehen werden darf und aus der Bibliothek entfernt wurde. Ähnlich gelagert ist die plakative Verbrennung von Pokémon-Karten durch einen dänischen freikirchlichen Pastor, der sie für ein Werk des Teufels hält und die Produzenten als "von Dämonen geleitet" ansieht.

Auf der anderen Seite steht die unkritische Annahme dieser magisch-mystischen Inhalte ohne weiteres Nachdenken. Beide Herangehensweisen bringen ihre Probleme mit sich.

Unangemessene Okkultfurcht

Die radikale Ablehnung von allem, was irgendwie "okkulte" Anklänge aufweist, mag vielleicht besonders christlich und konsequent erscheinen. Sie ist aber nicht immer angemessen und selten hilfreich. Es ist wichtig, Form und Inhalt zu unterscheiden. Harry Potter entspricht insofern der Komplexität des Lebens, dass die Unterscheidung von Gut und Böse nicht an Äußerlichkeiten allein festzumachen, sondern genaues Beobachten erforderlich ist. In dem magischen äußeren Gewand vollzieht sich eine Geschichte, in der die Kinder "einen durch und durch menschlichen Weg" finden: "Harry ist kein Einzelkämpfer, Freundschaft, Mut, Liebe werden in diesem Entwicklungsroman genauso eingeübt wie die Botschaft, dass Armut kein Makel ist und alle Menschen gleich sind - mitten im verzauberten Alltag."

Wo eine undifferenzierte Gleichsetzung von allem "okkultverdächtigem" erfolgt, entspringt dies einer gefährlich verkürzten Weltsicht. Wenn versucht wird, die Wirklichkeit in die Bereiche göttlich oder dämonisch einzuteilen, besteht darin eine Schwarz-weiss-Struktur des Denkens, die den weiten Bereich der Geschöpflichkeit ausblendet.

Umgangsmöglichkeiten finden

Der Vorwurf an die Potter-Bücher lautet, sie würden Magie und Zauberei als etwas harmloses und positives Darstellen. Dieser Vorwurf ist in gewisser Weise durchaus ernst zu nehmen, denn darin entsprechen sie dem Trend der Zeit. Aber gerade darum ist der Rückzug und die pauschale Verdammung keine hilfreiche Lösung des Problems. Statt dessen ist eine sachliche und differenzierte Auseinandersetzung unumgänglich. Es ist zu erwarten, dass uns künftig noch viel stärker und mit grösserer Selbstverständlichkeit magische Vorstellungen und Weltbilder umgeben. Dann brauchen unsere Kinder und Jugendlichen aber Möglichkeiten, damit konstruktiv umzugehen. Vermeidung hilft dabei nicht, sondern führt in ein Ghetto.

Die unkritische und unkommentierte Aufnahme der magisch-mystischen Inhalte auf der anderen Seite ist aber auch nicht problemlos. Es gibt eine Grenze im Umgang mit Pokémon und Potter, aber sie liegt nicht vor den Buchdeckeln, sondern zwischen ihnen, nicht in der Trennung davon, sondern im Umgang damit. Ängstliches Meiden und verteufeln ist das andere Extrem gegenüber dem völligen Verfallen-Sein. Beides ist kein verantwortungsvoller Umgang.

Magie ist mehr als Zauberkunst

Meine Nichte (aus christlichem Hause) wünscht sich zu Weihnachten einen Zauberstab. Ich hatte in ihrem Alter auch einen Zauberkasten mit Stab und bunten Tüchern, auf dem "Magie-Set" draufstand. Aber ich finde, das Wort hatte damals einen anderen Klang. Der Beruf von David Copperfield heißt "Illusionist". Obwohl er sich "Magier" nennt, staunen die Besucher über seine handwerklichen Fähigkeiten im Umgang mit Spiegeln und die Ideen für die Show, nicht aber über "magische" Fähigkeiten. Bei Harry Potter und dem ganzen Fantasy-Gewerbe geht es aber wirklich um Magie im Sinn von Machtgewinn, um das Erlangen besonderer Fähigkeiten zur Meisterung der Schwierigkeiten des Lebens - nicht um Illusionismus für Showeffekte beim nächsten Familienfest.

Der Wunsch nach magischen Erweiterung der eigenen Fähigkeiten ist eine allgemein menschliche Eigenschaft und im Kindesalter normal. Aufgabe christlicher Erziehung sollte es sein, an die Stelle des Begehrens nach eigener magischer Machtentfaltung das Vertrauen auf die Hilfe Gottes zu setzen. Das wird Harry Potter nicht vollbringen.

Harald Lamprecht, 12/2000

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