Christentum und Rechtsextremismus

Zum Gegensatz von Universalismus und Partikularismus

Weltweit gerät derzeit die Demokratie durch autoritäre Kräfte massiv unter Druck. Rechtsextreme Parteien erhalten in erschreckendem Ausmaß Wählerstimmen. Dies gelingt ihnen unter anderem, weil sie sich bürgerlich tarnen. Damit wird oftmals nicht bewusst, wie fundamental unterschiedlich die Konzepte sind. Dies hat eine religiös-weltanschauliche Dimension. Der folgende Artikel befasst sich mit diesem Gegensatz.

Neugermanisches Heidentum

Christentum und Rechtsextremismus sind in ihrem Wesen zueinander komplett inkompatibel. Klassische Rechtsextremisten sehen das üblicherweise genauso. Viele von ihnen sind nicht besonders religiös. Wenn sie religiös sind, dann verorten sie sich in der Regel nicht christlich, sondern im neugermanischen Heidentum. An der Halskette hängt ein Thorshammer, nicht das Kruzifix. Der tief sitzende Gegensatz lässt sich plastisch in einem Gedicht vor Augen stellen. Es stammt von dem österreichischen Germanisten, Burschenschaftler und NSDAP-Mitglied Robert Hohlbaum (1886-1955). Später diente es auch neuheidnischen Bands wie Darkwood als Liedtext:

„Ich will den Gott nicht, der den Frieden gibt
Ich will den Gott nicht, der in Mauern wohnt
Ich will den Gott nicht, der unsichtbar thront
Ich will den Gott nicht, der das Recht verschiebt
Ich will den Gott nicht, der die Demut lohnt
Ich will den Gott nicht, der den Sklaven liebt
Denn ich bin Herr, vor meiner Faust zerstiebt
Alles, was seine falsche Milde schont.

Ich will den Gott im grünen Eichenkleid
Ich will den Gott, der dumpf im Donner schreit
Ich will den Gott, der lichten Lenz mir bürgt
Und will den Eisgott, der die Sonne würgt
Ich will den Gott, der Blitzes Peitsche schwingt
Der meines heil’gen Waldes Sturmlied singt.“

Das Gedicht ist Ausdruck eines Kultes der Stärke: Stärke ist gut, denn der Starke kann sich das Recht nehmen. Das Schwache ist zu verabscheuen. Die verächtlichen Anspielungen auf das Christentum sind nicht zu übersehen. Gnade, Demut und Rücksicht auf Bedürftige werden abgelehnt. Deutlich ist in diesem Gedicht ein Gegenüber von neugermanischem Heidentum und Christentum beschrieben. Man kann das auch analytisch als ein grundlegendes Gegenüber zwischen zwei verschiedenen Blickweisen auf die Welt beschreiben. Idealtypisch zugespitzt handelt es sich um den Gegensatz zwischen Universalismus und Partikularismus.

Der Universalismus

Das Christentum ist seinem Wesen nach eine universalistische Religion. Christlicher Glaube bekennt Gott als den Schöpfer der Welt. Das bedeutet: Gott ist nicht nur Schöpfer der Deutschen. Er ist auch der Schöpfer der Afrikaner und der Azteken, der Inuit und der Zulu. Diese Auffassung hat Konsequenzen. Wenn Gott der Schöpfer der Welt ist, dann sind alle Menschen seine geliebten Geschöpfe. Daraus folgt eine prinzipielle Gleichwertigkeit aller Menschen. Jeder Mensch hat das gleiche Recht auf Entfaltung seiner Persönlichkeit - weil alle nach dem Bilde Gottes geschaffen sind.

Dieses christliche Prinzip ist im Gefolge der Aufklärung weiterentwickelt worden. Daraus folgt das Konzept von universalen Menschenrechten. Diese prägen auch die Grundwerte unserer Verfassung. Jeder Mensch, egal woher er kommt, egal was er getan hat, besitzt die gleiche unverlierbare Würde als Mensch. Daraus folgt das Recht auf eine menschenwürdige Behandlung in jeder Lebenslage – auch von Straftätern wie auch von Geflüchteten, (und natürlich auch von geflüchteten Straftätern).

Individualität für Alle

Gott gibt jedem Menschen Gaben. Niemand ist ohne Gaben. Keiner hat alle Gaben. Deshalb sind wir aufeinander angewiesen. Es kommt darauf an, in jedem Menschen zu entdecken, was Gott für ihn angelegt hat. Dabei gibt es keine starren Schablonen. Aus dem Schöpfungsprinzip folgt, dass jeder Mensch das Recht auf Entfaltung seiner eigenen Persönlichkeit hat. Dies ist nicht grenzenlos. Es findet seine Schranken an eben diesem gleichen Recht der anderen.

Das Recht: Rücksicht für die Schwachen

Der Gott der Bibel hat eine deutliche Schwäche für das Schwache. Gott selbst kommt in Gestalt eines schwachen Kindes in die Welt. Das feiern wir zu Weihnachten – auch wenn wir es zwischen Tannenduft, Glitzerengel und Geschenken nicht mehr immer bewusst haben. Darin steckt ein grundlegender Richtungswechsel. Gott erwählt das Schwache, um es stark zu machen. Auch in Luthers reformatorischer Botschaft steckt dieser Richtungswechsel: Nicht die eigene Leistung, nicht die eigene Stärke macht vor Gott angenehm, sondern Gott ist zu uns gekommen und hat alle Schuld erlassen. Wenn aber Gott das Menschsein so wichtig nimmt, dass er selbst Mensch geworden ist, dann sollte es uns auch nicht egal sein. Das Christentum erfüllt sich nicht nur im rein religiös-kultischen Bereich. Die Grundhaltung Gottes ist die Barmherzigkeit. Damit verbindet sich die klare Aufforderung: So sollen auch wir miteinander umgehen. Die biblischen Verhaltensnormen nehmen das auf und mahnen zur Rücksicht auf die Schwachen. Wer in Not ist, wer krank, einsam, in der Fremde, auf Reisen oder sonst benachteiligt ist, soll Hilfe und Unterstützung erfahren. Die Witwen und Waisen und die Fremdlinge sollen nicht bedrückt und ausgebeutet werden. Es ist ein Grundzug im schon in der hebräischen Bibel: Gott liebt Gerechtigkeit mehr als Brandopfer und Schlachtopfer. In dem Wort „Gerechtigkeit“ steckt das Wort „Recht“. Es geht darum, dem Recht zur Stärke zu verhelfen, nicht dem Starken zum Recht. Der Starke braucht das Recht nicht. Er nimmt sich, was er will. Das sehen wir bei Putin. Das Recht schützt in der Regel die Schwachen.

Bei Gott gilt: Die Zuwendung steht an erster Stelle, nicht die Leistungsforderung. Das sollte kein frommer Satz sein, sondern sich auch in unserer Organisation der Gesellschaft niederschlagen – jedenfalls, wenn Christen da ein Wörtchen mitzureden haben.

International

Aus dem christlichen Universalismus folgt auch internationales Engagement. Als Christen sind wir verbunden mit Glaubensgeschwistern in anderen Erdteilen. Darum ist es uns nicht egal, wie es den Menschen dort geht. Die biblischen Prinzipien der Gerechtigkeit gelten auch im globalen Maßstab. Frieden kann es nur geben, wenn auch die berechtigten Interessen meines Gegenübers gewahrt sind. Das setzt einen Horizont voraus, der bereit ist, nicht nur den eigenen Vorteil zu suchen, sondern für das Ganze zu denken. Das gilt in der Nachbarschaft wie auch im Miteinander von Staaten. Gerechtigkeit und Frieden bedingen einander. Frieden kann nur mit Gerechtigkeit von Dauer sein.

Partikularismus

Menschen denken von Natur aus allerdings oft nicht universalistisch, sondern partikularistisch. Im Partikularismus geht es um den eigenen persönlichen Nahraum. Es geht um mich, meine Familie, meine Freunde, meine Sippe, meinen Stamm. Ich brauche meinen Stamm als Hilfe zum Überleben in einer feindlichen Welt. Da draußen sind Naturgewalten und andere feindliche Stämme. Darum müssen wir hier zusammenhalten. Der eigene Stamm hat seine Riten und Gebräuche, auch seine Religion und seine Götter – die hoffentlich stärker sind als die Götter des Nachbarstammes.

Wir und die anderen

Innerhalb dieses Nahbereiches gibt es durchaus Fürsorge und Solidarität. Aber sie gilt nicht darüber hinaus. Hilfe und Unterstützung ist explizit auf diesen Bereich begrenzt. Das bedeutet: Für meine Familie, für meine Freunde setze ich mich ein. Aber die Menschen in Afrika sind mir egal, die sollen erst mal arbeiten lernen. „Wir sind nicht das Sozialamt der Welt.“ Die Logik des Partikularismus nimmt immer diese Unterscheidung vor: „Wir“/„Unsere Leute“ und „die anderen“, die nicht zu „uns“ gehören. Niemals gelten für beide Bereiche die gleichen Regeln. Es ist die Unterscheidung von Freund und Feind. Ethik und Moral werden auch im Rahmen dieser Unterscheidung gedeutet. Gut und richtig ist, was „uns“ nützt.

Das christliche Gebot der Nächstenliebe, wie Jesus es am Beispiel des barmherzigen Samariters geschildert hat, kollidiert mit solchen Vorstellungen. Entsprechend stark sind die Versuche, das Konzept der „Nächstenliebe“ umzudeuten. Dann geht es nicht mehr darum, wem ich zum Nächsten werde, weil die Person meine Hilfe braucht (wie im biblischen Beispiel). Statt dessen wird die Bedeutung umgedreht: Nächstenliebe würde sich dann auf diejenigen beziehen, die mir schon immer am Nächsten stehen: meine Familie, meine Freunde, meine Sippe, mein Volk. Demgegenüber ist festzuhalten: Der Samariter in der Erzählung von Jesus hat geholfen, wo Not war, ohne nach Volk und Verwandtschaft zu fragen.

Nützlichkeit

Auch in einem partikularistischen Vorstellungsrahmen kann es Hilfe und Unterstützung für Bedürftige geben – aber mit zwei wesentlichen Einschränkungen:

1) grundsätzlich nur für die „eigenen“ Leute und 2) nur wenn ein Nutzen für die Gemeinschaft absehbar ist. Die Unterstützung hängt nicht an einem Konzept unverlierbarer Menschenwürde, sondern am praktischen Nutzen für den Stamm. Solange ich danach wieder für meine Sippe einen Beitrag leisten kann, darf ich auch in Not auf Unterstützung hoffen. Sonst aber nicht. Invaliden, Behinderte, Schwächlinge haben keinen Wert. Sie gelten als Schädlinge am Volkskörper. Gut ist, was stark ist. Im MDR-Sommerinterview 2023 sprach Björn Höcke von Inklusion als einem „Ideologieprojekt“, das ein „Belastungsfaktor“ für das Schulsystem sei und „unsere Kinder“ nicht weiterbringe.1 Die Redeweise offenbart: Behinderte Kinder können für ihn nicht „unsere“ Kinder sein.

Ein- und Unterordnung

Individualität hat in diesem Konzept auch keinen Wert. Jeder Mensch hat seinen Platz im Stamm. Er ist ein Rädchen im Getriebe, das an seinem Ort zu funktionieren hat. Individuelle Selbstentfaltung ist nicht vorgesehen. Gefordert ist die Einordnung in das große Ganze und die Erfüllung fester traditionell zugedachten Rollen und ihrer Pflichten: Der Mann verdient das Geld, die Frau versorgt die Kinder. Wo schon eine erfolgreiche Frau im Job als Angriff auf die Mutterrolle gesehen wird, haben es Menschen schwer, die z.B. mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden oder anders empfinden, als es ihre Rollenzuschreibung vorgibt. Das wird dann als Angriff auf das ganze System empfunden.

Es darf dabei nicht übersehen werden: Die strenge Ordnung schafft Sicherheit und Verlässlichkeit in der eigenen kleinen Welt. „Keine Experimente“ war auf etlichen Wahlplakaten zu lesen. Wir wollen nichts Neues ausprobieren.

Der Blick über den Tellerrand

Universalismus und Partikularismus sind hier als harte Gegensätze beschrieben. In der Praxis sind sie nicht so streng getrennt. Jeder Mensch lebt und denkt auch partikular, hat einen Nahbereich und Familie und Freunde, die ihm wichtiger sind als andere. Das ist ganz normal und nicht das Problem.

Die universalere Perspektive ist eher etwas, was zum „natürlichen“ Partikularismus hinzutritt. Damit wird aber das System insgesamt verändert. Sie besteht schlicht in dem Gedanken, dass auch der Fremde ein Mensch ist wie ich. Deshalb hat auch diese Person das gleiche Recht auf ein gutes Leben wie ich. Dies beinhaltet immer ein Stück Selbstrelativierung. Eine Bereicherung auf Kosten anderer verliert damit ihre moralische Berechtigung. In einer partikularen Denkweise wäre sie erlaubt, solange „die Anderen“ keiner „von uns“ sind. „Unser Land zuerst“ ist ein Motto, das genau diese Denkhaltung ausdrückt.

Eine universalistische Sicht, die vom Konzept einer (aus der Schöpfung begründeten) allgemeinen Menschenwürde ausgeht, motiviert dazu, auch die berechtigten Bedürfnisse des anderen mitzudenken. Wo dies geschieht, vermeidet es Krieg und Konflikt. Sie kann bewirken, dass es am Ende allen besser geht.

Harald Lamprecht


1 https://www.news4teachers.de/2023/08/belastungsfaktoren-thueringer-afd-chef-hoecke-will-behinderte-kinder-vom-regelunterricht-ausschliessen/

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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