Heilungserwartung und Glaube

Wozu ist „Alternativmedizin“ alternativ?

Die moderne Medizin hat enorme Erfolge vorzuweisen. Viele Krankheiten, die noch vor wenigen Jahrzehnten unheilbar waren, sind nahezu verschwunden. Oder wer kennt noch Menschen mit Kinderlähmung? Dies führt aber in eine geradezu paradoxe Situation: Je erfolgreicher die moderne Medizin ist, desto seltener stoßen wir an ihre Grenzen. Es wird daher immer mehr verlernt, das Unvermeidliche zu akzeptieren und mit Leiden umzugehen.

Machbarkeitswahn verstärkt

Das ist das Einfallstor der sogenannten „Alternativmedizin“. Diese schickt sich an, mit den Einseitigkeiten und Begrenzungen des oft mit polemischem Unterton als „Schulmedizin“ bezeichneten Betriebes aufzuräumen. Sie verspricht persönliche Zuwendung statt „Apparetemedizin“, sanfte Naturmedizin statt „Chemie voller Nebenwirkungen“ und „ganzheitlich“ den Menschen in den Blick zu nehmen, statt nur die Niere oder den Zeh. In der Tat hat das an wirtschaftlichen Forderungen organisierte Medizinsystem da einige Schwachpunkte aufzuweisen.

Vor allem aber suggeriert die Alternativmedizin Hilfe auch jenseits der Grenzen wissenschaftlich begründeter Medizin. Das technisch-utopische Denken und der Machbarkeitswahn werden nicht etwa reduziert und zurechtgestutzt, sondern im Gegenteil ins Grenzenlose erweitert. Was die Chemotherapie nicht kann, das soll dann der Heilstrom von Gröning oder die richtige Konfliktlösung der Germanischen Neuen Medizin bewirken, was das Antibiotikum nicht schafft, das sollen die Bach-Blüten oder die Prana-Heilung richten. Die Erwartungshaltung kennt keine Grenzen mehr. Wenn es doch nicht klappt, ist dann aber in der Regel der Patient selbst schuld – und doppelt gestraft.

Wissenschaft

Die moderne Medizin verdankt ihre Erfolge einer besonderen Arbeitsweise, die man „wissenschaftlich“ nennt. Dazu gehört transparentes Vorgehen. Aus sauber dokumentierten Beobachtungen werden Hypothesen formuliert, die überprüfbar und widerlegbar sind. Diese werden in kontrollierten Experimenten von mehreren verschiedenen Forscherteams untersucht. Nur reproduzierbare Ergebnisse zählen – nicht einzelne Anekdoten. Statistik versucht, die biologische Variabilität auszugleichen. Immer geht es aber darum, die Möglichkeit des eigenen Irrtums einzubeziehen. Über randomisierte verblindete Studien und Peer-Review-Prozesse sollen falsche Annahmen als solche entdeckt werden. Dieses Vorgehen ist aufwendig. Oft gibt es „Ent-Täuschungen“, wenn eine Vermutung sich nicht bestätigen lässt. Aber nur damit gibt es am Ende verlässliche Ergebnisse.

Alternativmedizin ist genau dazu „alternativ“. Sie verzichtet auf diese Arbeitsweise, auf Kontrollen und ignoriert die eigene Irrtumsmöglichkeit und verlässliche Ergebnisse. Das führt weithin zu einer irrationalen Beliebigkeit der Inhalte. Sie lebt stark davon, dass Menschen bereit sind, sich in der Not an jeden Strohhalm zu klammern, der sich ihnen bietet, und dafür auch hohe Summen zu bezahlen.

Christliche Perspektive

Eine christliche Haltung ist offen für das Wirken Gottes in der Welt und kann um Heilung beten. Aber zugleich weiß sie, dass diese unverfügbar ist und nicht durch eine Methode erzwungen werden kann. Wer Methoden verspricht, ist in der Pflicht, sie einer rationalen Kontrolle zu unterziehen. Alles andere ist unethisch und führt oft zu Manipulation und Betrug.

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 1/2026 ab Seite 5